Schlussfolgerung
Die grundlegende Struktur des Essays The Shuk-den Affair ist die gleiche Vorgehensweise wie die von polemischen tibetischen Werken wie Earth Shaking Thunder von Dhongthog Rinpoche und die Brief History of Opposition to Shugden des “Dolgyal Research Committee” der tibetischen Exilregierung 1. Die wesentliche Stoßrichtung dieser Darlegungen ist, die Dorje Shugden-Praxis zu diskreditieren, indem Pabongkha Rinpoche diskreditiert wird. Mit dieser Vorgehensweise ist es möglich, die bestehende Praxis als ein skurriles Instrument einer einzelnen Person, statt einer authentischen spirituellen Praxis mit langer Vorgeschichte darzustellen. The Shuk-den Affair benutzt diese bereits existierende Präsentation und wickelt sie in eine gelehrte Verpackung, indem etwas historischer Kontext zum 5. Dalai Lama und Tulku Dragpa Gyaltsen gegeben wird. Weiterhin wird versucht, den Shugden-Mythos mit historischen Informationen herauszufordern, wobei impliziert wird, dass Pabongkha Rinpoche diesen Mythos fabriziert hat, um die Praxis als Teil des Gelugpa-Erbes zu rechtfertigen.
Obwohl diese skeptische Vorgehensweise nötig ist, um Fakten von Falschheiten zu unterscheiden, begeht The Shuk-den Affair nicht nur faktische Fehler, sondern gewisse Interpretationen gehen weit über das hinaus, was ihre Quellen zulassen. Und nicht nur das, sondern auch das Weglassen eines erheblichen Teiles des Shugden-Vermächtnisses aus dem 18. und 19. Jahrhundert machen es schwierig für The Shuk-den Affair einer Überprüfung standzuhalten. Wenn mehr Quellen herangezogen werden und individuelle Anschuldigungen untersucht werden, entsteht nicht nur ein ganz anderes Bild, sondern es verteidigt auch Pabongkha Rinpoche.
Nachdem er jegliche Referenz zu einem einzigen spezifischen Dorje Shugden Ritual ausgelassen hat, das von einem Meister der Gelug-Tradition im 18. oder 19. Jahrhundert geschrieben wurde, wird von Dreyfus die Entwicklung von Dorje Shugden zum zentralen Beschützer der Gelug-Sekte mit der folgenden Feststellung eingeordnet, unter der Überschrift The Rise of the Spirit (Der Aufstieg des Geistes): 2
„Pabongkha war innovativ in der Hinsicht, dass er bislang sekundäre Unterweisungen weit verbreitete und ins Zentrum der Gelug-Tradition stellte und behauptete, dass sie die Essenz von Tsongkhapas Unterweisungen repräsentierten. Dieses Muster, das für eine Reformbewegung typisch ist, gilt auch für Pabongkhas weite Verbreitung der Praxis von Dorje Shugden als zentralem Beschützer der Gelug-Tradition, insbesondere gegen Ende seines Lebens.“
Es gibt hier in der Tat zwei Behauptungen: wie Pabongkha Rinpoche angeblich die Praxis weit verbreitete und wie er Dorje Shugden zu einem zentralen Beschützer der Gelug machte. Bezüglich des ersten Punktest ist dies schwierig in Zahlen auszudrücken. Wie können die Anhänger dieser Praxis vor und nach Pabongkha Rinpoche gezählt werden? The Shuk-den Affair vermeidet tunlichst den Versuch einer quantitativen Bestimmung, da dies nicht möglich ist. Dennoch ist es ohne quantitative Erhebung schwierig zu belegen, dass Pabongkha Rinpoche für die Verbreitung der Praxis verantwortlich war. Nicht nur dies, sondern auch bezüglich der geographischen Verbreitung zeigen die jetzt untersuchten Texte, dass zu Pabongkha Rinpoches Blütezeit die Praxis von Dorje Shugden als Beschützer der Tradition Je Tsongkhapas bereits in Amdo, Khalka-Mongolei, Südtibet, Zentraltibet und Kham verbreitet war. Da somit die Behauptung der Verbreitung durch Pabongkha Rinpoche ernsthaft in Frage gestellt ist, ist folgerichtig auch eine weitere Behauptung von Dreyfus geschwächt – dass die angebliche Verbreitung der Dorje Shugden Praxis in Kham eine Reaktion auf die Rime-Bewegung war. Dies wiederum entlastet Pabongkha von böswillige Motiven, was ebenfalls durch die verwendeten Quellen in The Shuk-den Affair nicht haltbar belegt ist.
Bezüglich der zweiten Behauptung, wie Pabongkha Rinpoche Dorje Shugden zu einem zentralen Beschützer der Gelug machte, wird dies indirekt von Dreyfus unterstellt, indem er viele Punkte anführt, einschließlich:
- Schaffung von erhabenen Titeln für Dorje Shugden, z.B. „Beschützer der Tradition des Siegreichen Herrn Manjushri”, usw. 3
- Der angeblich sektiererische und gewalttätige Beiklang zu Dorje Shugden als Beschützer der Gelug-Tradition 4
- Die Behauptung, dass Dorje Shugden früher nicht mit Tulku Dragpa Gyaltsen assoziiert wurde, sondern dass diese Verbindung erst später geschaffen wurde. 5
- Dass die allgemeine Erzählung über Dorje Shugden ein bloßer Mythos sei, der mehr aus zweckmäßiger Berechnung als aus historischen Fakten entstanden ist.
- Der Standpunkt, dass es nur eine einzige Dorje Shugden-Überlieferung gegeben hat, von der Pabongkha Rinpoche der Vorvater und Manipulierer sei.
Dieses Essay hat sich all dieser Punkte angenommen. Zusammengefasst zeigen viele der nachstehend untersuchten Rituale, dass der Titel „Beschützer der Tradition des Siegreichen Herrn Manjushri“ sowie andere Titel, die den besonderen Beschützer für Je Tsongkhapa ausdrücken, bereits im Jahrhundert vor Pabongkhas Einfluss allgemein in Gebrauch waren. Es kann aufgrund von Fakten geschlussfolgert werden, dass es nicht Pabongkha Rinpoche war, der den Titel erfunden hat. Gewalttätige Beiklänge sind in praktisch allen Beschützerritualen im tibetischen Buddhismus zu finden und die spezifische Ausdrucksweise, die mit Dorje Shugden verbunden ist, existiert in frühen Sakya-Texten. Die „sektiererische“ Ausdrucksweise, die Pabongkha Rinpoche unterstellt wird, sind wörtliche Zitate aus einem Werk, das aus den Gesammelten Werken eines mongolischen Meisters des 19. Jahrhunderts stammt (Rabjampa Ngawang Lobsang).
Obwohl es nicht viele frühe Quellen gibt, die geradeheraus feststellen, dass Dorje Shugden aus Tulku Dragpa Gyaltsen entstand, gibt es genügend Behauptungen, die zeigen, dass Pabongkha Rinpoche diese Verbindung nicht erfunden hat: Ngulchu Dharmabadhra, Rabjampa Ngawang Lobsang usw. Die Dorje Shugden Erzählung ist nicht so mangelhaft, wie der Skeptizismus von Dreyfus es darstellen will. Dreyfus schlussfolgert, dass Dolgyal nicht die Reinkarnation von Tulku Dragpa Gyaltsen sein kann, da es Referenzen zu Dolgyal bereits 1636 gäbe, lange vor seinem Tod im Jahr 1657, allerdings ist dies ein faktischer Fehler von Dreyfus. [Es geht hier um das Feuer-Vogel Jahr, welches korrekt als 1657-58 entschlüsselt wird, und nicht 1636, wie Dreyfus sagt]. Gemäß der Autobiografie des 5. Dalai Lama ist das korrekte Jahr für Dolgyals Erscheinen 1657, nach Tulku Dragpa Gyaltsens Tod. Weiterhin finden sich viele der Behauptungen, die von Shugden Anhängern gemacht werden in der Autobiografie des 5. Dalai Lama.
Als letztes zeigt die vollständige Untersuchung und Enthüllung aller Dorje Shugden-Rituale und -Überlieferungen eine große Vielfalt und einzigartige Verbreitungen in verschiedene tibetische und mongolische buddhistische Kulturzonen. Pabongkha Rinpoche förderte insbesondere eine spezifische Überlieferung, die von Dagpo Kelsang Khedrub stammt und von seinem Lehrer Tagphu Dorjechang weiter entwickelt wurde. Es hat weiterhin den Anschein, dass Pabongkha Rinpoche lediglich verschiedene Facetten dieser Praxis angenommen hat, die in vielfältigen Überlieferungen aus der Mongolei und aus der Sakya-Sekte existierten. Ganz gleich also, ob jemand der Praxis von Dorje Shugden und dem was er repräsentiert zustimmt oder nicht, aber Pabongkha Rinpoche hat praktisch kaum einen Aspekt dieser Praxis erfunden, sondern hat diese Tradition lediglich angenommen und gefördert.
Fußnoten
1 Siehe A Brief History Of Opposition To Shugden edited and compiled by the Dolgyal Research Committee
2 Dreyfus (1998), p. 246.
3 Dreyfus (1998), p. 247.
4 Dreyfus (1998), pp. 250-251.
5 Dreyfus (1998), p. 251.
