Drubwang Dre’u Lhas

Drubwang Dre’u Lhas (17. Jahrhundert)

Schneller und machtvoller Beschützer des Buddhadharma … sowohl zornvoll als auch tugendhaft.

Die Dre’u Lhas Inkarnationslinie stammt aus dem Kloster Dre’u Lhas in der Region von Nyal in Südtibet. Diese besondere Region liegt in Lhuntse dsong, in der Nähe der Grenze zu Bhutan, einem Gebiet, das im 17. und 18. Jahrhundert umkämpft war. Die Dre’u Lhas Inkarnationslinie basiert auf der Linie des großen Drukpa Kagyü Meisters Drukpa Kunley (1455 – 1529) aus Bhutan, der einer der berühmtesten, authentischen verrückten Yogis war (myon pa), einschließlich anderer unkonventioneller aber hoch realisierter Meister wie Tsang Nyon Heruka [Gtsang smyon Heruka] (1452 – 1507) und U Nyon Kunga Sangpo [Dbus smyon Kun dga’ bzang po] (1458-1507). 1

Die Erkennung der Inkarnationslinie von Drukpa Künley muss ungefähr ein Jahrhundert nach seinem Ableben begonnen haben, da die Aufzeichnungen die Geburt seiner zweiten Inkarnation um 1650, mit dem Namen Drukpa Dragpa Gyaltsen, der nur ca. 25 Jahre lebte, notieren. Die dritte Inkarnation war Drubwang Tenzin Sangpo, der in Lhodrag geboren wurde und 58 Jahre lebte 2. Die vierte Inkarnation, Kunga Migyur Dorje (1721-1769), ist als großer Drukpa Meister bekannt.

Das früheste und wichtigste Dorje Shugden-Ritual heißt Dorje Shugden Tsal Gyi Solka Trinlay Dojo [Wylie: rdo rje shugs ldan rtsal gyi gsol kha ‘phrin las ‘dod ‘jo], oder Bitte an Dorje Shugden Tsel: Alle erwünschten Handlungen zu gewähren. Gemäß Serkong Dorje Chang (1856-1918): „Der obere Band wurde vom Herrn der Siddhis Dre’u Lhas pa [verfasst] und der untere Band vom gelehrten und vollendeten Morchen.“ Er stellt fest, dass diese Meister über jeden Zweifel erhaben sind, und dass ihre Werke alle guten Qualitäten besitzen und ihre Worte besonders gesegnet sind. 3

In der Tat sind beide Teile dieser Werke untrennbar; Morchens Teil beginnt mit dem Bekenntnis, welches nicht für sich alleine stehen kann, ohne die anfängliche Einladung etc., die von Dre’u Lhas pa geschrieben wurde. Diese wurde mit größter Wahrscheinlichkeit von der dritten Inkarnation Dre’u Lhas’ geschrieben, Drubwang Tenzin Sangpo, und nicht von der vierten, da letztere erst sieben Jahre alt war, als Morchen Dorjechang 1728 verstarb. Weiterhin hat es den Anschein, dass Morchen Dorjechang bereits zwischen 1710 und 1720 Shugden zu verehren begann, als die dritte Inkarnation von Dre’u Lhas höchstwahrscheinlich noch lebte.

Wie Serkong Dorjechangs Werk, welches dieses Ritual integrierte, wurde es am Shugden-Tempel Trode Khangsar in Lhasa sowie seinem Mutterkloster Riwo Chöling in Lhoka verwendet. Dieses spezifische Werk wurde gemäß Lobsang Tamdin auch in die Mongolei gebracht, als ein Orakel von Sangphu Setrapchen von zwei mongolischen Lamas eingeladen wurde. Das Orakel wurde angerufen und nahm dann dieses Ritual aus einer Kiste und gab es einem Mönch.4 Später wurde es in Lobsang Tamdins Katalog aufgenommen. 5

Der von Dre’u Lhas verfasste Teil beinhaltet die erste Hälfte des Rituals und beschreibt die Hauptgottheit und lädt sie ein. Die dazugehörigen Ausstrahlungen werden genannt, aber nicht spezifisch beschrieben, wie es in Morchen Dorjechangs Teil des Rituals der Fall ist. In der Beschreibung wird Dorje Shugden Herr des Todes genannt, nicht nur als Symbol, das Urängste besiegt, sondern auch um die Kraft zu beschreiben, fehlerlos zu erkennen ngon sumpa [mngon sum pa] was richtig und was falsch ist, oder – wie es in der kurzen Verehrung des 5. Dalai Lamas ausgedrückt wird – die Fähigkeit, richtig und falsch zu unterscheiden leg nyay shen jay [legs nyes shan ‘bye]. Wenige Verse weiter wird Dorje Shugden mit Anspielung auf den Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara eingeladen und hier ist seine Art, sich in der Welt zu manifestieren, die eines Dharma-Königs. Das Ritual beginnt mit Lobpreisung an Tulku Dragpa Gyaltsen:

Verkörperung der Weisheit der Eroberer und Macht des Mitgefühls,
Der in degenerierten Zeiten in der Form eines Spirituellen Meisters erscheint,
Der einzige Ausstrahlungskörper Trul Pay Ku [sprul pa’i sku], der eine Zuflucht für die Lehre und Lebewesen ist,
Zu Dragpa Gyaltsens Füßen verbeuge ich mich.

Dieses Ritual beinhaltet einige Vorbereitende Übungen in Verbindung mit Hayagriva, die hier nicht detailliert werden, dann folgt u.a.:

Als solcher erscheint in der Mitte eines weiten, offenen Raumes aus der Silbe tsa der König des Dharmas, der Herr des Machtvollen und Wundersamen, Dorje Shugden.

Die Beschreibung der Hauptgottheit beinhaltet das folgende:

Mit den Kleidern eines Entsagenden, die zwei Obergewänder tragend, in majestätischer Haltung und mit Aufmerksamkeit verschiedene zornvolle Formen zeigend, mit einem Gesicht und zwei Armen und entblößten Zähnen. Seine zwei Augen lodern wie das Feuer am Ende des Äons, sein Bart und seine Augenbrauen sind wie leuchtendes Karminrot. Er trägt einen Lederhut, seine rechte Hand schwingt eine Klinge und die Linke hält ein Herz, Der Herr des Todes hat verschiedene Reittiere, wie Löwen, Pferde, Elefanten, Garudas und Drachen und kann die vier Kontinente in einem Augenblick durchqueren.

Einladung:

Die reine ursprüngliche Natur, frei von Festhalten,
Immerwährend, spontan, beständig und nichterzeugt,
Aus dem Ozean untrennbarer Glückseligkeit,
Wie sie der volle Mond zeigt, bitte komme hierher.

Avalokiteshvaras Feld um zu zähmen,
Langka, Land der rotgesichtigen Rakshas,
Um diesen Ort, die Dharma-Räder und Tempel zu beschützen,
Ausgestrahlter Dharma-König und Dein Gefolge, bitte komme hierher.

Du besiegst feindliche Horden mit magischer Kraft.
Für das Wohl der Verstärkung der spirituellen und weltlichen Kraft,
Der Träger des Buddhadharmas und insbesondere des geheimen Mantras,
Sowie ihrer Anhänger, bitte komme hierher.

Die vier großen, befehlenden Ausstrahlungen,
Verwandeln sich in zahllose, furchteinflößende, weitere Ausstrahlungen,
So viele, wie es Sandkörner auf der Erde gibt;
Überirdische Wesen und Euer Gefolge, bitte kommt hierher.

Daraufhin folgen Darbringungsverse, einschließlich einer Torma-Darbringung, und dann Lobpreisungsverse:

Kye!
Schneller und machtvoller Beschützer des Buddhadharmas,
Überwältigendes, furchteinflößendes Körpermandala,
Wie die Sonne, die einen Korallenberg erhellt,
Strahlender Ruhm in der Kleidung eines Mönches,
Mit einem Gesicht, das sowohl zornvoll als auch tugendhaft ist.

Diese Lobpreisung fährt fort und wiederholt viele der beschreibenden Verse, die vor der Einladung standen, einschließlich Versen für das Anvertrauen von Handlungen. Das Ritual schließt mit Versen für die Erfüllung kang wa [bskang ba]. Darauf folgend beginnt Morchen Dorjechangs Teil des Rituals.

Fußnoten

1 Smith (2001), S. 60
2Eine Liste anerkannter Inkarnationen, von ca. 1819, von Dan Martin
3Guru Deva Rinpoche (1984), S. 546.
4Lobsang Tamdin (1975), vol. X, S. 345-347.
5 Lobsang Tamdin (1975), vol. XIV, S. 402. Das vollständige Ritual, siehe Guru Deva Rinpoche (1984), S. 231-243.