Einführung
von Trinley Kalsang
Dorje Shugden ist eine Beschützergottheit (sung ma), die, beginnend im 17. und 18. Jahrhundert, hauptsächlich in den Sakya- und Gelugsekten, verehrt wird. Seit dieser Zeit wurde ein ganzes Vermächtnis an Ritualen, historischen und künstlerischen Werken der Praxis dieser Gottheit gewidmet. Obwohl es viele Texte gibt, welche die schrittweise Entwicklung des Ritualsystems für diese Gottheit aufzeigen, wurde vieles davon bisher noch nicht für eine Untersuchung an die Öffentlichkeit gebracht. Eine Untersuchung der wichtigen Einzelheiten dieser Texte ist notwendig, um eine vollständigere Historie zu rekonstruieren, da die Historie, die bislang von Gelehrten präsentiert wurde, voreingenommen ist, um ein Bild zu konstruieren, welches mit den Ereignissen des 20. Jahrhunderts zusammenpasst. Insbesondere haben zeitgenössische Sichtweisen Pabongkha Rinpoche nicht nur als den einzigen Erneuerer einer angeblich obskuren Praxis hingestellt, sondern auch als Erfinder der Rituale und Promoter der Titel und der Rolle Dorje Shugdens in der Gelug-Sekte.
Diese Präsentation konzentriert sich auf die Werke der Zeit vor dem 20. Jahrhundert und lässt die Werke Pabongkha Rinpoches und Trijang Rinpoches aus, mit Ausnahme von Verweisen, wie ihre zeitgenössischen Werke aus diesen Quellen entstanden sind, und ihrer Erklärungen des historischen Kontextes dieser frühen Werke. Dies zeigt insbesondere, wie die grundlegenden Komponenten der Rituale ursprünglich in der Sakya-Tradition und von Dre’u Lhas (aus der Drugpa Kagyü-Tradition) entwickelt wurden und dann in die Gelug-Tradition übernommen. Die Gelug-Tradition hat diese übernommenen Rituale weiter entwickelt und schließlich Dorje Shugden eine bedeutende Rolle als besonderer Beschützer der Gelug-Sekte verliehen, was durch Panchen Sönam Dragpas Inkarnationslinie und seinen Schwur, die Gelug-Sekte zu beschützen, gerechtfertigt wird. In Anbetracht dieser frühen Historie wird die Entwicklung des Höhepunktes der Verehrung dieser Gottheit im 20. Jahrhundert anschaulich.
Obwohl diese Präsentation nicht als Widerlegung geplant ist, wird sie verschiedene wichtige Punkte herausstellen und verdeutlichen, um zu zeigen, wie viele der falschen Ideen widerlegt werden können, die in Arbeiten über dieses Thema niedergeschrieben wurden, insbesondere The Shuk-den Affair. Schon allein der Umfang und der zeitliche Rahmen dieser Arbeit genügen, um einige der zentralen Thesen von The Shuk-den Affair zu widerlegen, da Dreyfus die Entwicklung und Verbreitung von Dorje Shugden allein Pabongkha Rinpoches persönlichen Ideen und anschließenden Aktivitäten im 20. Jahrhundert zuschreibt. Es wird klar gezeigt, dass nicht nur dies falsch ist, sondern Dreyfus unterstellt auch einen herabwürdigenden sektiererischen Plan als Motivation hinter Pabongkha Rinpoches vermeintlicher Verbreitung dieser Praxis und gibt kaum irgendwelche Quellen oder Beweise dafür an.
Es bedarf weder besonderer Interpretation noch Polemik, um viele der Punkte zu widerlegen, die von Gelehrten und anderen vertreten werden, da diese Originaltexte für sich selbst sprechen. Die hier vorgestellten Werke sind semi-chronologisch nach Autoren geordnet. In manchen Fällen ist es schwierig, die exakte chronologische Reihenfolge der Schriften festzustellen, da sie normalerweise nicht datiert sind.
Die Hauptquellen für dieses Essay sind aus den verschiedenen Sammlungen entnommen, die nachfolgend gelistet werden. Insbesondere das Dorje Shugden be bum ist eine fortgesetzte, lebende und vollständige Sammlung von Texten zu Dorje Shugden. Sie wurde mehrfach publiziert; die erste moderne Veröffentlichung stammt von 1984, wie unten aufgeführt. Diese Sammlung wurde jedoch von dem mongolischen Gelehrten und Meister Lobsang Tamdin 1 (1867 – 1937) begonnen. Es sammelte eine Reihe von früheren Texten, die von mongolischen und tibetischen Meistern verfasst wurden. Er schrieb die Einleitung zum be bum, in der die Historie beschrieben wird, sowie ein Katalog der Texte enthalten ist. Lobsang Tamdin hat nicht nur Rituale über Shugden selbst verfasst, sondern auch eine Geschichte der Verbreitung dieser Texte in der Mongolei, in einem kurzen Werk mit dem Titel „Einige historische Belege der geheimen Aktivitäten der Lamas Götter und Beschützer“.
Diese Texte können in Lobsang Tamdins Gesammelten Werken gefunden werden, allerdings ist die eigentliche Sammlung von Texten des be bum nicht in seinen Gesammelten Werken veröffentlicht. Dennoch sind die ursprüngliche Ausgabe der Einleitung und des Kataloges aus Lobsang Tamdins Gesammelten Werken historisch wichtig, da sie einen Einblick in seine Sichtweise geben und aufzeigen, welche spezifischen Rituale er zu jener Zeit sammeln konnte. Obwohl sein Katalog beispielsweise mehrere Dutzend Texte erwähnt, werden keinerlei Texte von Pabongkha Rinpoche erwähnt, der ein Zeitgenosse von Lobsang Tamdin war. Es gibt keine bekannte direkte Verbindung zwischen diesen Meistern. Die späteren Ausgaben des be bum haben später gesammelte Texte in den Katalog und die Sammlung selbst aufgenommen. In Anbetracht dieser Unterschieden wird darauf geachtet werden, zu spezifizieren, welche Ausgabe angegeben wird.
- Die Einleitung und der Katalog des be bum: jamgon gyalwa nyi pai ten sung tun mong ma yin pa gyalchen dorje shugden tsalgyi chokor bebum du drigpai karchag namchag korlo mukyu trinlay obar shejawa shug so [Wylie: 'Jam mgon rgyal ba gnyis pa'i bstan bsrung mthun mong ma yin pa rgyal chen rdo rje shugs ldan rtsal gyi chos skor be bum du bsgrigs pa'i dkar chags gnam lcags 'khor lo mu khyud 'phrin las 'od bar zhes bya ba bzhugs so]. Veröffentlicht in den Gesammelten Werken von Jetsung Losang Tamdin, vol. X, S. 391- 408, New Delhi: Mongolian Lama Gurudeva, 1975. Bemerkenswert ist der Titel jamgon gyalwa nyi pai ten sung tun mong ma yin pa, was bedeutet: „Der außergewöhnliche Dharmabeschützer des Zweiten Eroberers Manjunatha.” Wie belegt werden wird, wurde dieser Titel im 18. oder 19. Jahrhundert geprägt und nicht im 20. Jahrhundert von Pabongkha Rinpoche und seinen Anhängern.
- Eine Sammlung verschiedener historischer Belege über Dorje Shugden und andere Beschützer: lama lhasung gi sang wai dzay trin gashig gi logyu norbu rinpoche gabtse shejewa shug so [Wylie: Bla ma lha srung gi gsang ba'i mdzad 'phrin 'ga' zhig gi lo rgyus nor bu rin po che'i gab tse zhe bya ba bzhugs so]. Veröffentlicht in den Gesammelten Werken von Jetsung Losang Tamdin, vol. XIV, S. 341-357, New Delhi: Mongolian Lama Gurudeva, 1975. Dieser Text wird nachstehend bezeichnet als „Einige historische Belege der geheimen Aktivitäten der Lamas Götter und Beschützer“.
- jam gon tensung gyalchen dorje shugden tsel gyi bebum [Wylie: 'Jam mgon Bstan srung rgyal chen Rdo rje s'ugs ldan rtsal gyi be bum]: The Collected Rituals for Performing All Tasks through the Propitiation of the Great Protective Deity of Tsong-kha-pa, Manjushri Reembodied, Dorje Shugden. New Delhi: Mongolian Lama Guru Deva, 1984. Dieses ist die Library of Congress control number 84902705. Diese Sammlung wurde vom mongolischen Meister Lobsang Tayang begonnen und später von Trijang Rinpoche erweitert. Es gab auch ein be bum, das von Trijang Rinpoche zusammengestellt war, namens jamgon gyalwa nyi pai tensung gyalchen dorje shugden tsalgyi chokor bebum du drig [Wylie: 'Jam mgon rgyal ba gnyis pa'i bstan srung rgyal chen rdo rje shugs ldan rtsal gyi shos skor be bum du bsgrigs], veröffentlicht von Dragyab Losang Tsundru [brag g.yab blo bzang brtson 'grus] in Lhasa, 1991. 2 Es ist nicht klar, ob dies die gleiche Sammlung von Texten ist, die lediglich getrennt veröffentlicht wurden.
- jamgon gyalway tensung dorje shugden gyi trin tsol chogdu shug so. Sera Me Press [Wylie: 'Jam mgon rgyal ba'i bstan srung rdo rje shugs ldan gyi 'phrin bcol phyogs bsdus bzhugs so]. Sera Me Press (ser may trul par kang), 1992. Dies ist eine wesentlich kürzere Sammlung von Ritualen. Mit wenigen Ausnahmen können diese sämtlichst im Dorje Shugden be bum gefunden werden.
- Wo immer möglich, werden bereits existierende Quellen erneut geprüft, um zuvor übersehene Details aufzuzeigen. Dies beinhaltet Werke wie Oracles and Demons. Es werden auch neue und moderne Texte einbezogen, um Tibetische, mongolische und mandschurische Geschichte in Kontext zu stellen, für ein besseres Verständnis der Umstände und komplexen Beziehungen.
- Als Hauptressource für Biografien und bibliografische Information hat das Tibetan Buddhist Resource Centre (TBRC) ein großes Archiv für tibetische Autoren und ihre Werke. Viele der Werke aus den genannten Publikationen können durch die verschiedenen Publikationen im TBRC verifiziert werden. Weiterhin verfügt das TBRC über einige Gesammelte Werke, die einzigartige Texte enthalten, die nicht in den hier zitierten Publikationen enthalten sind. Wo immer möglich, wird jedes zitierte Werk sich auf eine Nummer des TBRC beziehen, um Untersuchungen und Nachweis der Gültigkeit zu erleichtern.
Als weitere Gewährleistung für Texte, die nicht unabhängig veröffentlicht wurden, werden wo immer möglich, andere unabhängig veröffentlichte Texte vermerkt, die sich darauf beziehen, um ihre Existenz zu verifizieren.
Fußnoten
