Fünfter ‘On Gyalse Rinpoche
Drepung Gomang’s Fünfter ‘On Gyalse Rinpoche (1743-1811)
„Lobpreisung an den Herrn der Dharma-Könige, der Lobgesangs Lehre im gesamten Raum beschützt.“
Unter den früh etablierten Reinkarnationslinien von Drepung war die ‘On Gyalse Linie eine der wichtigsten. Diese Inkarnationslinie war eine der drei hauptsächlichen Inkarnationslinien (’bras spung sprul sku rnam gsum) des Klosters Drepung: „Die ‘On Gyalse ['on rgyal sras] Inkarnationslinie wird als eine der drei überragenden Inkarnationslinien von Drepung [’bras spungs] (bod kyi sprul sku rnam gsum gras) erachtet“.1 Zeitgenössische Studien haben diese wichtige Inkarnationslinie wahrscheinlich aufgrund eines Mangels an Informationen nach der sechsten Inkarnation übersehen (ngag dbang thogs med bstan ’dzin rgya mtsho). Die vierte Inkarnation diente als Regent von Tibet, als der Siebte Dalai Lama in Garthar, Kham, im Exil war.2 Die fünfte Inkarnation des ‘On Gyalse Rinpoche, Kelsang Thubten Jigme Gyatso,3 war einer der wichtigsten Lamas um die Wende des 19. Jahrhunderts.
Er wurde 1743 im oberen Teil Zentraltibets geboren [dbus stod la mo]. In vielerlei Hinsicht stimmen die wesentlichen Elemente seines Lebens mit denen hoher inkarnierter Lamas überein. Im Alter von vier Jahren wurde er in ‘on nge gsang dar rgyas gling inthronisiert. 4 Als er fünf Jahre alt war, erhielt er den Namen Thubten Jigme Gyatso vom Siebten Dalai Lama Kelsang Gyatso, der auch das erste zeremonielle Schneiden seines Haares durchführte. Im alter von zehn Jahren empfing er die Novizen-Ordination [rab tu byung] vom selben Dalai Lama. Er studierte die einführenden Themen von Logik, indem er sich auf seinen Lehrer Dragpa Yarphel verließ. Als er zwanzig war, empfing er die volle Ordination [bsnyen rdzogs bsgrubs] vom berühmte Gelug-Meister Purchog Ngawang Jampa. Er erlangte seinen Geshe Lharampa Abschluss 1766 und ein Jahr später ging er zum Kloster Tashi Lhunpo, um den Panchen Rinpoche Palden Yeshe zu treffen.5
Indem er sich auf Purchog Ngawang Jampa, Panchen Rinpoche Palden Yeshe und Changkya Rölpai Dorje verließ, hörte er viele Unterweisungen von Sutra und Tantra. Als er 26 war, lebte er für drei Jahre in einer Höhle in On und praktizierte einsgerichtet Meditation. Er begegnete 1781 dem Sakya Thronhalter Kunga Lodro in ‘on chos sdingsi und erbat die Vajrayogini Einweihung sowie die außergewöhnliche Kurukulle Einweihung aus der Ngor-Tradition.6
Gegen Ende seines Lebens wurde er ein Yongdzin [yongs 'dzin] für den Neunten Dalai Lama und empfing den Titel no min han. Das Wort Yongdzin wird allgemein als “Tutor” übersetzt, aber dies vermittelt nur einen kleinen Teil der Bedeutung. Das Wort Yongdzin heißt wörtlich “Glückseligkeit-Leerheit” und beinhaltet weitaus mehr, jenseits eines schulischen Lehrers. Die Yongdzin sind die am höchsten angesehenen Lamas, die wichtige Linien halten, welche an die Inkarnationen der Dalai Lamas überliefert werden.
Unter seinen Schülern befanden sich der berühmte Longdol Lama Ngawang Lobsang, der dritte Tagphu Lobsang Chökyi Wangchug und die erste Dragri Inkarnation Dragri Dorjechang, sowie viele andere. Seine Gesammelten Werke umfassen drei Bände. Einige seiner Arbeiten beinhalten:
- Visualisierung des Mandalas von Mitra Gyatsa, eine Zierde für einen klaren Geist7
- Fünf verschiedene Werke über Chakrasamvara in der Krishnacharya-Tradition
- Ein Buch über Poesie, einschließlich Redewendungen und Versmaßen [snyan ngag dper brjod sdeb sbyor sogs]
‘On Gyalse Rinpoche schrieb ein Torma-Darbringunsritual für Dorje Shugden, welches durch Yamantaka ausgeführt wird. Yamantaka wird als einer der drei wichtigsten Yidams in der Gelug-Tradition angesehen und ist, wie Dorje Shugden, eine zornvolle Ausstrahlung von Manjushri. ‘On Gyalses Gesammelte Werke sind gegenwärtig nicht weit verbreitet und schwierig zu finden. Ihre Existenz und Integrität kann jedoch durch Rabjampa Ngawang Lobsangs Werk rdo rje shugs ldan la mchod gtor ’bul tshul8 verifiziert werden, in welchem dieses Ritual nahezu wörtlich mit einigen Ergänzungen enthalten ist. Gyalse Dorjechang wird vom Autor im Kolophon gewürdigt. Die vorliegende unveränderte Version ist aus ’Jam mgon rgyal ba’i bstan srung rdo rje shugs ldan gyi ’phrin bcol phyogs bsdus bzhugs so, S. 33-37, entnommen.
Obwohl es makabere und kraftvolle Motive gibt, die hier dargestellt werden, die in einem zornvollen Ritual erscheinen, welches den zuvor erwähnten, frühen Sakya-Ritualen sehr ähnlich ist, wird dies durch außergewöhnlich andächtige und unwirkliche Poesie ausgewogen. Dieses Werk verwendet viele ungewöhnliche tibetische Worte, die in der Sanskrit-Dichtung ihren Ursprung haben und augenscheinlich als besondere Übersetzungen eingearbeitet worden sind. Das Wort “Elefant” ist beispielsweise normalerweise glang chen, aber in der Dichtung ist es gnyis ‘thungs. Der letztere Begriff ist interessant, denn er bedeutet wörtlich „zwei trinken“. Dieses ist sinnbildlich für einen Elefant, denn er nimmt das Wasser zuerst in den Rüssel und von dort in den Mund. ‘On Gyalse Rinpoche war ohne Zweifel sehr bewandert in tibetischer Dichtung [snyan ngag], da er den zuvor erwähnten Text dazu verfasste.
Das Ritual beginnt mit „Namo Vajrabhairava, hier ist eine zusammengefasste Methode, einen Torma darzubringen, an den Großen Beschützer des Dharmas der Jinas, Dorje Shugden Tsel, mit dem Titel Eine Wolke an Darbringungen, um die Schwur gebundenen zu erfreuen.“ Die reine Tradition Manjushrigarbhas9 [’jam dpal snying po’i dri med ring lugs] vor den Haupt- und Nebenursachen des Schadens10 zu beschützen, ist eines der Hauptmotive, wie im einleitenden Vers ausgesagt wird. Das Werk besteht aus vier Hauptabschnitten und beginnt mit einer Einladung und der Bitte zu verbleiben:
In der Mitte von loderndem Feuer und wirbelndem Wind,
In einem wunderschönen, regenbogengleichen, unermesslichen Palast,
Auf einem unerschütterlichen Thron, getragen von Wasser geborenem [Lotos], Sonne und Mond,
Bitte verbleibe hier, für das Wohl, die Handlungen der Yogis zu gewähren.
Das Ritual fährt dann damit fort, dem eingeladenen Dorje Shugden Gaben darzubringen. Der dritte Abschnitt des Rituals ist hervorragend und besteht aus poetischen Lobpreisungen an die fünf Linien von Dorje Shugden. Wiederum ist, so wie in anderen frühen Gelug-Ritualen an Dorje Shugden, die Hauptfigur mit ähnlichen Begriffen wie Vajrapani beschrieben: “Halter des Kraft besitzenden Vajras” [mthu stobs].
Manifestation mit der Macht eines hundertzackigen Vajras,
Der die Kraft hat, alle Hindernisse sofort zu zerstören,
Lobpreis an den Dharma-König,
Der die Essenz von Lobsangs Lehre im ganzen Raum beschützt.
Mit einem Körpermandala, strahlend wie ein reiner, weißer Vollmond,
Beschützer auf einem schönen Elefanten,
Lobpreis an den Vollender von friedvollen Handlungen,
Der respektvoll die Hindernisse frommer Yogis beseitigt.
Berg aus reinem Gold, strahlend wie hundert aufgehende Sonnen,
Auf einem juwelengeschmückten Hengst,
Lobpreis an den Vollender der Handlungen der Jinas,
Schatzkammer von Leben, Verdiensten und wunscherfüllenden Siddhis.
In korallenroter Erscheinung, aus Mitgefühl für Lebewesen,
Auf einem blauen Drachen von tausend kraftvollen Blitzschlägen,
Lobpreis an den Vollender von kraftvollen Handlungen,
Der die Wesen der drei Welten zur Befreiung führt.
Mit einer dunkelroten, furchteinflößenden Form,
Auf einem zornvollen Garuda gleitend,
Lobpreis an den Vollender der intensiven Handlungen,
Der den Lebensatem der Behinderer sammelt.
Ein anderes Werk von ‘On Gyalse Rinpoche ist eine kurze [bsangs], Duftdarbringung, namens [bsangs mchod ‘dod dgur ‘khyil ba’i dga’ ston zhes bya ba bzhugs so].11 In diesem wird der Reihe nach Duft an Lama Dorjechang (Vajradhara), Buddha Shakyamuni, die Sieben Patriarchen, die Sechs Ornamente, die 84 Mahasiddhas, Heruka, Hevajra, Yamantaka, Guhyasamaja, usw. dargebracht. Wenn die Beschützer an der Reihe sind, schreibt er: „Insbesondere mein Beschützer [mgon], meine Zuflucht [skyabs] und mein Helfer [grogs mdzad pa’i], Dharma-Beschützer Dorje Shugden und Dein Gefolge sind gereinigt [bsangs].“
Fußnoten
1 ’on rgyal sras sprul sku skye brgyud, TBRC Person RID: P10143.
2TBRC Person RID: P178.
3TBRC Person RID: P178.
4 Ein Gelugpa-Kloster in der autonomen Region Tibet. Dies war der Sitz der wichtigen rgyal sras sprul sku Linie. TBRC Place RID: G75.
5 Don rdor und bsTan ’dzin chos grags (1993), S. 816-817.
6 Sa-skya Bdag-chen Gong-ma Kung-dga’-blo-gros (1983), S. 669.
7TBRC Work RID: W2534, Sammlung von Visualisierungen für die Gottheiten des mitra rgyatsa. Mehr Information über Mitra Gyatsa siehe Willis (1995), S. 211-212.
8TBRC Work RID: W5326.
9 Der Name von Je Tsongkhapas Wiedergeburt in Tushita.
10 log par ‘khu ba’i nag po’i rtsa lag rnams.
11 Guru Deva Rinpoche (1984), S. 253-258.
