Jaya Pandita

Jaya Pandita (1642-1708)

Die Lebensgeschichte von Tulku Dragpa Gyaltsen, seine frühen Inkarnationen und seine Manifestation als Dorje Shugden hat besonders die Mongolen beeinflusst. Biografien von Tulku Dragpa Gyaltsen und seinen früheren Inkarnationen wurden über die Jahrhunderte verfasst, in einem literarischen Genre, das als rtogs brjod begannt ist. Diese Tradition, den Beschützer Dorje Shugden auf der Grundlage seiner früheren Inkarnationen zu erkennen, gipfelte im 19. Jahrhundert sowohl in der Mongolei als auch Tibet. Eine einzigartige rtogs brjod entstand, in der Dorje Shugden untrennbar mit seinen früheren Leben verbunden ist. Das Vermächtnis von Tulku Dragpa Gyaltsen und die Verbreitung der Dorje Shugden Praxis in die Mongolei hat jedoch viele Facetten und übernimmt einige Glaubensarten, die augenscheinlich nur in Nordostasien und und in den besonderen geopolitischen Situationen zwischen den verschiedenen mongolischen Stämmen und den Mandschu zu finden sind.

Während die mongolischen Lamas keine wichtigen Verfasser von Dorje Shugden Ritualen in der Frühzeit waren, bewahrten sie aber die wichtigen Details der Lebensgeschichte (rnam thar) und der Schriften von Tulku Dragpa Gyaltsen. Sein rnam thar ist in den Werken von Jaya Pandita 1 blo bzang ’phrin las (1642-1708) erhalten, einem wichtigen Meister, der zu der Zeit lebte, als vieles des tiefgründigen Wissens des Buddhismus und speziell der Gelug in die Mongolei gebracht wurde.

Jaya Pandita wurde in der Mongolei geboren. Gemäß einem Bericht lebte er in der Mongolei und praktizierte Yamantaka, Weißer Schirm und Guyasamaja.2 Im Jahr 1660, im Alter von neunzehn, reiste er nach Tibet und empfing volle Ordination vom 5. Dalai Lama, der ihm den Titel Jaya Pandita3 verlieh. Er studierte auch Medizin und trat in das Kloster Tashi Lhunpo ein um die großen Klassiker zu studieren.4 Er verließ sich auf viele große Meister seiner Zeit und kehrte 1679 in die Mongolei zurück, wo er viele Texte in die mongolische Sprache übersetzte. In seiner Heimat gründete er auch ein Kloster und vier Kollegs.5

Lobsang Tamdins be bum entnahm die Biografien (rnam thar) von Tulku Dragpa Gyaltsen und seiner Inkarnationslinie für ein Werk mit dem Titel sprul sku grags pa rgyal mtshan gyi sngon byung ‘khrungs rabs dang bcas pa’i rnam thar (dza ya pandi ta blo bzang ‘phrin las kyi gsan yig nas zur du bkod pa bzhugs so). Die Originale können auch im Katalog der empfangenen Unterweisungen (thob yig) von Jaya Pandita gefunden werden, der von Lokesh Chandra, International Academy of Indian Culture (1981, vol. 4, folios 43-60) veröffentlicht wurde. Dieser beinhaltet die Liste der langen Inkarnationslinie von Tulku Dragpa Gyaltsen mit kurzen Biografien. Die Biografie von Tulku Dragpa Gyaltsen selbst berichtet Jahr für Jahr über sein Leben.

In seiner Einleitung zum be bum schreibt Lobsang Tamdin, dass Dorje Shugden eine Ausstrahlung von Tulku Dragpa Gyaltsens drei erleuchteten Geheimnissen ist (gsang gsum). Er bezieht sich auf Tulku Dragpa Gyaltsens rsnam thar (gemäß Jaya Pandita) und sagt, dass er als junger Mann eine Vision von Jamgon Sakya Pandita, dem Eroberer Tsongkhapa und Panchen Lobsang Chökyi Gyaltsen hatte. Zu jener Zeit sagte ihm Panchen Lobsang Chökyi Gyaltsen:

Danach werden in der Zukunft, in der Östlichen Stadt,
Die Schüler von Manjushris Reinem Land anwachsen,
Dann werden sie in den Stammesgebieten des Dunklen Landes
Das Licht des Dharmas hell entzünden,
Kurz gefasst, mit Gedanken der Liebe und des Mitgefühls,
Das Ziel anderer vollkommen erfüllen, um Lebewesen in hohem Masse zu nutzen.

Lobsang Tamdin stellt fest, die Bedeutung dieser Prophezeiung sei, dass sobald Tulku Dragpa verstarb, der Chinesische Kaiser geboren wurde. Dies wurde als Zeichen gesehen, dass er in der nördlichen Mongolei wiedergeboren wurde. Tatsächlich gibt es einen entsprechenden Eintrag in Sumpa Khenpos Chronologie Tibets für das Holz-Schaf Jahr (1655-1656), das mit einem Symbol versehen ist, welches den Eintrag für die Geburt einer Person kennzeichnet.6 „Der Kangxi Herrscher [ist geboren] und wird als die Inkarnation von Tulku Dragpa Gyaltsen berühmt werden.“

Lobsang Tamdin sagt weiter, dass der Herrscher Manjushri (’jam dbyangs gong ma) als Ausstrahlung des Roten Manjushri berühmt wurde (’jam dpal dmar po), und viele Meister sagten, er sei eine Inkarnation von Panchen Sönam Dragpa, und dass die erste Inkarnation von Tulku Dragpa Gyaltsen „Löwengebrüll Manjushri“ war (’jam dbyangs smra seng)7. Eine solche Erwähnung findet sich in einem der größten Projekte, die von Kangxi zwischen 1718-1720 gesponsert wurden: dem mongolischen Roten Kangyur (der Sammlung aller direkten Unterweisungen Buddha Shakyamunis). Im Vorwort heißt es:

Der Bodhisattva der Weisheit, Manjushri, verwandelte sich in den Halter des „Furchtlosen Löwenthrones aus Gold“ um als kein anderer zu erscheinen, als der erhabene „Kanxi-Manjushri“.8

Das Konzept eines Dharma-Königs ist somit nicht auf die Personifizierung des Dalai Lama als herrschender Avalokiteshvara begrenzt. Es wurde auch auf die Qing-Kaiser angewendet, aber als das Gegenstück Manjushri. Wie im Falle des Dalai Lama, basierte die Rechtfertigung dafür in hohem Masse auf Prophezeiungen, wie es auch in Desi Sangye Gyatsos Fortsetzung der Autobiografie des 5. Dalai Lama gefunden werden kann.9 Die Quing-Herrscher wurden schon recht früh in der Zeit des Qing Reiches als Kaiser Manjughosa angeredet, insbesondere vom 5. Dalai Lama und Panchen Lobsang Chökyi Gyaltsen,10 was sich mit dem 7. Dalai Lama Kalsang Gyatso in das 18. Jahrhundert fortsetzte.11

In einer Hinsicht wirkte sich diese Prophezeiung vorteilhaft auf die Verbreitung der Gelug-Sekte in Nordostasien aus. Außer im mongolischen Kangyur, der zuvor erwähnt wurde, findet sich die folgende Zusammenfassung von Erlangungen in The Last Emperors:12

Die Kangxi, Yongzhen und Qianlong Kaiser renovierten oder bauten insgesamt 32 tibetisch-buddhistische Tempel in Peking … sie bauten mindestens elf lamaistische Tempel in Chengde… Das dritte große, lamaistische Zentrum auf chinesischem Boden, das mit kaiserlichen Mitteln erbaut wurde, war Wutaishan. Wutaishan wurde ein religiöses Zentrum für die Stämme der inneren Mongolei… Während der Kangxi Herrschaft wurden zehn chinesisch-buddhistische Klöster zu Klöstern des tibetischen Buddhismus konvertiert.

Wutaishan war besonders bedeutend, da es lange mit Manjushri assoziiert wurde. Solch liberale Anerkennung von regierender Macht als göttliche Kraft birgt jedoch auch seine Probleme, insbesondere in Anbetracht der Teilung zwischen mongolischen Stämmen im frühen 18. Jahrhundert aufgrund der Panmongolischen Bestrebungen durch Galden Khan, die durch das Qing Weltreich unterdrückt wurden. Wie beim Dalai Lama in Tibet, ist die Wahrnehmung des Qing Herrschers als Manjushri der Gipfel einer Mischung aus Macht und Religion und hatte sicherlich seine Kritiker unter den rein religiösen Amtsinhabern, insbesondere denen der Oirat Mongolen, einem Stamm, der sich den Qing unter dem Kommando des Kangxi erfolglos widersetzte.

Direkt folgend auf den obigen Eintrag von Sumpa Khenpo in Chronologie Tibets für das Holz-Schaf Jahr (1655-1656) gibt es einen Eintrag für das Feuer-Vogel Jahr (1657-1658):13 „Dieses Gerede, dass dieser König Tibets (bod kyi de’i rgyal po) gzim khang gong ma Tulku Dragpa Gyaltsen ist, ist bloß leeres Geschwätz aus Anhaftung und Abneigung.“ Die fraglichen Worte hier sind bod kyi de’i rgyal po, von denen Dreyfus annimmt, dass sie sich auf einen rgyal po Geist aus Tibet beziehen, nämlich Dorje Shugden. Es bezieht sich aber viel wahrscheinlicher auf die üblichere Verwendung des Wortes rgyal po als König, insbesondere Kangxi, da Sumpa Khenpo Mongole war (vom Baatrud Stamm aus Oirat) und zu dieser Zeit die Herrschaft der Qing über Tibet anerkannt hatte.14 Zweitens befasst sich Kangxis Werk hauptsächlich mit äußeren, nicht mit spirituellen Angelegenheiten, und aufgrund des fehlenden Zusammenhangs zu bod kyi de’i rgyal po ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich auf die vorangehende Chronik bezieht (Kangxi wird berühmt als die Inkarnation des gzims khang ‘og).

Schlussendlich stimmte Sumpa Khenpo wahrscheinlich der Anerkennung herrschender Personen als Inkarnationen rein spiritueller Personen nicht zu. Insbesondere, da Sumpa Khenpo unter dem Qianlong Kaiser diente, hatte er sicherlich ein ambivalentes Verhältnis zum Machtstreben der Kangxi und Qing, da er die Zerstörung Kokonuurs 1723 in seiner Heimat erwähnt, nach einem gescheiterten Aufstand gegen die Qing, der vom Kanxi niedergeschlagen wurde.15 Weiterhin bezieht sich Sumpa Khenpo in seiner Chronologie Tibets auf den 5. Dalai Lama nicht mit Worten, die einen Herrscher beschreiben, sondern mit rein spirituellen Titeln, wie bla ma lnga ba, während er sich auf den Herrscher seiner Zeit, Gushri Khan, als solchen bezieht.

Fußnoten

1TBRC Person RID: P2156. Nicht zu verwechseln mit dem Jaya Pandita vom Oirat Stamm, der vor ihm geboren wurde.
2 Don rdor and bsTan ’dzin chos grags (1993), p. 684.
3 MHTL, p. 36.
4 Don rdor and bsTan ’dzin chos grags (1993), p. 684.
5 MHTL, p. 36.
6 Sum-pa Mkhan-po Ye-shes-dpal-’byor (1991), p. 194.
7 Lobsang Tamdin, (1975), vol. X, p. 399.
8 Berger, Patricia Ann (2003) Empire of Emptiness. University of Hawaii Press, p. 92.
9 Siehe Life of the Fifth Dalai Lama (1999), translated by Zahiruddin Ahmad. International Academy of India Culture.
10 Henss, Michael (1998). The Qianlong Emperor as a Grand Lama.
11 Dharmatala (1997), p. 437.
12 Rawski, Evelyn S. (2001). The Last Emperors: A Social History of Qing Imperial Institutions. University of California Press, pp. 252, 253.
13 Sum-pa Mkhan-po Ye-shes-dpal-’byor (1991), pp. 194-195.
14 Erdenibayar, Sumpa Khenpo Ishibaljur: a Great Figure in Mongolian and Tibetan Cultures, in The Mongolia-Tibet Interface: Opening New Research Terrains in Inner Asia, edited by Uradyn E. Bulag and Hildegard G.M. Diemberger, PIATS 2003, vol. 9. (2007). Leiden: Brill, p. 304.
15 Erdenibayar (2007), p. 308.

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