Lobsang Tamdin

Lobsang Tamdin (1867-1937)

Lobsang Tamdin ist auch als Lobsang Tayang bekannt, welches eine Anspielung auf seine umfassende Gelehrsamkeit ist, ähnlich dem indischen Pandit Ashvagosha. Er wurde 1867 in einem Ort in der Wüste Gobi geboren. Seine klassische buddhistische Ausbildung begann im Alter von vier, als er das Alphabet und Übersetzungen erlernte. Er ging dann nach Ulan Bator und trat im Alter von 17 Jahren in das Kloster Kunga Chöling ein. Indem er sich auf Acharya Sangye und Khewan Jigje verließ wurde er in den Sutras und Tantras bewandert. Vom Abt Palden Chöpel aus Ulan Bator empfing er die volle Ordination. Als er 40 war erhielt er den Titel eines bka’ bcu. Er ging nach Wutai Shan, ein Pilgerort Manjushris in Nordchina und enthüllte zwei wundersame Stupas mit geheimen Inschriften. Er errichtete 1922 ein tantrisches Kolleg und 1926 ein Kolleg, welches auf dem Lehrzyklus von Drepung Gomang basiert. Er ist Autor von Werken, die in 12 Bänden zusammengefasst sind, wobei historische Werke in seinen Schriften einen sehr wichtigen Stellenwert einnehmen.1

Jules Levinson schrieb: „Blo bzang rta dbyangs war ein mongolischer Gelehrter, der sowohl über Sutra als auch Tantra ausführliche Schriften verfasst hat.“2 Seine Gesammelten Werke wurden zuerst in Dr. Lokesh Chandras Materials for a History of Tibetan Literature (New Delhi: International Academy of Indian Culture 1963) veröffentlicht. Seine vollständigen Schriften wurden als The Collected Works (gsung ‘bum) of Rje-btsun Blo-bzang rta-mgrin 1975-1976 (New Delhi: Mongolian Lama Gurudeva)3 veröffentlicht. Seine Werke wurden sowohl von tibetischen als auch westlichen Gelehrten in einer ganzen Anzahl von Studien zitiert.

Nachstehend ein kleiner Auszug seiner Schriften; Band I seiner Gesammelten Werke enthält Kommentare mit Anmerkungen zu Erhabene Lobpreisung [an Buddha Shakyamuni] (khyad par ‘phags bstod), verfasst vom indischen Meister Udbhata Siddhasvamin, Lobpreisung, welche die der Götter übertrifft (lha las phul du byung bar bstod pa) von Shamkarapati und Acharya Mati Chitras Kaliyugaparikatha (rtsod pa’i dus kyi gtam). Weiterhin enthalten ist ein von ihm verfasstes Gedicht mit dem Titel 108 Verse der Lobpreisung des großen Mitgefühls (snying rje chen po la bstod pa’i tshigs bcad brgya rtsa brgyad pa),4 Anmerkungen zu Dharmarakshitas Rad der scharfen Waffen und Die Gift zerstörende Geistesschulung des Pfaus sowie Lobpreisungen an verschiedene Bodhisattvas, die auf ihren Geschichten der Befreiung (rnam mthar) basieren, z.B. Immerzu weinend (rtag tu ngu). Der Reste von Band I besteht aus Berichten über die Ursprünge verschiedener Klöster in der Khalkha Mongolei.

Band II besteht aus einer Historie des Buddhismus in Indien, Tibet und der Mongolei, während Band III eine Reihe von Schriften über die Vinaya beinhaltet, einschließlich eines Kommentars zu Je Tsongkhapas Essenz des Ozeans der Vinaya (‘dul ba rgya mtsho’i snying po).

Eine kurze Darstellung der Präsentation der Ebenen und Pfade der drei Fahrzeuge gemäß dem System des Vollkommenheits-Fahrzeuges, Essenz des Ozeans der tiefgründigen Bedeutung (phar phyin theg pa’i lugs kyi theg pa gsum gyi sa dang lam gyi rnam bzhag pa mdo tsam du brjod pa zab don rgya mtsho’i snying po) kann in Band IV gefunden werden, der ebenfalls in Jules Levinsons Dissertation zum Ph.D. behandelt wird: Metaphors of Liberation: A Study of Grounds and Paths According to The Middle Way Schools.5 Dort heißt es in einer kurzen Zusammenfassung dieses Werkes:6

Blo bzang rta dbyangs’s Text ist in zwei Hauptabschnitte von ungefähr gleicher Länge unterteilt. Der erste Abschnitt erläutert die Ebenen und Pfade des Hinayana und Mahayana. Der zweite Abschnitt analysiert kontroverse Punkte, über die verschiedene Gelehrte und Schulen unterschiedlicher Meinung sind. Im letztgenannten Abschnitt ist Blo bzang rta dbyangs besonders daran interessiert, die Position der Prasangika Madhyamaka Schule von jener der Yogacara-Svatantrika Madhyamaka zu unterscheiden.

Band V enthält unter anderem einen Kommentar zu Maitreyas Dharmas und Dharmata unterscheiden (Skt. Dharmadharmatavibhanga), gemäß der Tradition Je Tsongkhapas auf der Basis von Rongtongpas Kommentar. Dieser spezifische Kommentar wurde von Raymond E. Robertson in A Study of the Dharmadharmatavibhanga übersetzt.7

Band VI besteht aus verschiedenen Guru Yoga Texten, wie einer Reihe von Guru Yoga Übungen in Verbindung mit den Hunderten von Gottheiten des Freudvollen Landes (dga’ ldan lha brgya ma). Band VII enthält verschiedene Puja Texte, z.B. für Medizin-Buddha und Maitreya, Band VIII enhält Texte über Gottheiten des Vajrayana, wie Guyasamaja und Heruka, während sich die Bände IX, X und teilweise XI auf Werke in Verbindung mit Kalachakra konzentrieren.

Band XI enthält auch mehrere Werke über Dorje Shugden. Zuerst gibt es eine Verehrung an Dorje Shugden mit dem Titel rgyal chen rdo rje shugs ldan rtsal gyi bskang ‘phrin mdor bsdus don chen myur ‘grub, die gemäß dem Autor auf einer von Kirti Rinpoche verfassten Verehrung beruht. Als nächstes folgt eine Lobpreisung des Mahakala mit vier Gesichtern, die vom Dritten Dalai Lama Sönam Gyatso verfasst wurde und geändert wurde, um für Dorje Shugden angewandt zu sein (rgyal ba dge ‘dun rgya mtsho’i gsung la zhal bsgyur gyi bstod pa). Denn vom Autor wird festgestellt, dass Dorje Shugden als ein Ausdruck des Mahakala mit vier Gesichtern bekannt wurde und er sei der außergewöhnliche Beschützer der tiefgründigen Sicht und des damit verbundenen geheimen Tantras von Jamgon Lama Tsongkhapas Tradition.

Von großer Wichtigkeit in Band XI ist schließlich der Katalog und die Einführung zum Dorje Shugden be bum, Das kometenhafte Rad der umfassenden lodernden Handlungen (rgyal chen rdo rje shugs ldan rtsal gyi be bum gyi dkar chag gnam lcags ‘khor lo’i mu khyud ‘phrin las ‘od ‘bar). Band XIV enthält eine Reihe von Beschützerritualen, einschließlich einer Historie von verschiedenen Beschützeraktivitäten in bla ma lha srung gi gsang ba’i mdzad ‘phrin ‘ga’ zhig gi lo rgyus nor bu rin po che’i gab tse.

Ein wesentlicher Aspekt eines jeden Textes im tibetischen Buddhismus ist die ungebrochene Überlieferungslinie, die von Meister zu Schüler jeder Generation weitergegeben worden ist. Da Rituale bei einem Meister ihren Ursprung nehmen und sich dann möglicherweise über eine Vielzahl von Schülern durch Generationen verzweigen, ist eine spezifische Überlieferungslinie ein in einer Richtung laufender Pfad in einer baumgleichen Struktur. Band XVI von Lobsang Tamdins Gesammelten Werken dokumentiert hauptsächlich all die Überlieferungslinien, die er von verschiedenen Meistern erhalten hat und zusätzlich listet er die eigentlichen Linien auf. Lobsang Tamdins Dokumentation seiner erhaltenen Überlieferungslinien bietet einen faszinierenden, wenngleich unvollständigen Einblick in die Meister, welche die verschiedenen Überlieferungen bewahrten. Im Falle von Dorje Shugden ist es bemerkenswert, dass Lobsang Tamdin die Überlieferung nahezu sämtlicher Texte, die für das Dorje Shugden be bum gesammelt wurden, sicher stellen konnte.

Einige der Rituale stammten ursprünglich von mongolischen Meistern. Im einzelnen ist die Überlieferung des Rituals, welches vom Vierten Jetsun Dampa verfasst wurde und als „Die Torma-Darbringung an den außergewöhnlichen Beschützer, die mit Om Palden Shambala beginnt“ benannt wird, mit einem Torma-Darbringungsritual an Palden Lhamo zusammengefasst. Die Linie für diese Überlieferung ist:8

  1. Der Vierte Kyabgon, Jetsun Dampa
  2. mTshan zhabs bka’ bcu pa bsod nams
  3. mTshan zhabs bka’ bzhi dar rgyas
  4. bKa’ rgyur pa bstan ‘dzin dar rgyas
  5. Drin can mang thos rje mi ‘gyur rdo rje
  6. Lobsang Tamdin (blo bzang rta mgrin)

Unter Lobsang Tamdins historischen Schriften gibt es einen Bericht über die Ursprünge des Westlichen Kollegs des großen Klosters Khure, welches vom Vierten Jetsun Dampa gegründet wurde. Unter dem Inventar der heiligen Objekte dieses Kollegs finden sich drei Repräsentationen von Dorje Shugden, die aus dem Loseling Kolleg, Gyalse Ladrang stammen und aus dem Dorje Shugden btsan khang (höchst wahrscheinlich Trode Khangsar).9 Weiterhin heißt es im Bericht, als der Vierte Jetsun Dampa und Gyalse Dorjechang zuvor gemeinsam in Lhasa waren, wurde Dorje Shugden durch ein Orakel eingeladen und teilte mit, dass er die Verantwortung übernehmen wird, das Kloster zu beschützen, wenn es gegründet wird.10 Dies bestätigt, dass es höchstwahrscheinlich der Vierte Jetsun Dampa gewesen ist, der die Dorje Shugden Praxis anfänglich aus Tibet in die Mongolei brachte.

Später, im 19. Jahrhundert, schrieb Rabjampa Ngawang Thubten einen Satz an Ritualen, welche die Torma-Darbringung, Serkyem und Dankesdarbringung des Fünften ‘On Gyalse eingliederten. Die Linie für diese Überlieferung ist:11

  1. Rabjampa Ngawang Thubten (rab ‘byams smra ba ngag dbang thub bstan)
  2. Khyab bdag bu ddha
  3. Lobsang Tamdin (blo bzang rta mgrin)

Eines der frühen Gelug-Rituale wurde jedoch vom Vierten ‘On Gyalse Rinpoche verfasst. Da eine seiner früheren Inkarnationen das Kloster dGon lung in Amdo gründete, und da spätere Inkarnationen als die Hauptlamas dieses Klosters angesehen wurden, hatte er unvermeidlicherweise einen großen spirituellen Einfluss in der mongolischen Sphäre. Als solches ist die Überlieferung eines bsang Rituals und einer Torma-Darbringung an Shugden (bsang mchod ‘dod dgur ‘khyil ba’i dga’ ston dang rgyal chen rdo rje shugs ldan rtsal gyi gsol mchod) recht detailliert und führt über wichtige Inkarnationen, wie den Hogthogthu Demo Rinpoche und kam später durch Rabjampa Ngawang Thubten in die Mongolei. Die Linie für diese Überlieferung ist:12

  1. rGyal sras rdo rje ‘chang skal bzang thub bstan ‘jigs med bstan pa’i rgyal mtshan
  2. dGe bshes khyab bdag bde ba’i rdo rje
  3. De mo no mon han thub bstan ‘jigs med rgya mtsho
  4. sGo mang sprul sku rab brtan rgya mtsho
  5. Rabjampa Ngawang Thubten (rab ‘byams smra ba ngag dbang thub bstan)
  6. Nom chi bla ma blo bzang dpal ldan
  7. E rte ni sprul sku ngag dbang don grub
  8. Chos rje blo bzang ‘jigs med
  9. Khyab bdag bu ddha
  10. Lobsang Tamdin (blo bzang rta mgrin)

Trichen Tenpa Rabgye, der zweite Reting Rinpoche, bat Dragri Gyatso Thaye ein langes Kangso für Dorje Shugden zu verfassen. Dieses wurde von Dragri Gyatso Thaye an Reting Rinpoche übermittelt, der es wiederum an die Inkarnation von Dragri Gyatso Thaye übertrug. Es wurde von ihm an Rabjampa Ngawang Thubten weitergegeben und auf diese Weise kam es in die Mongolei. Die Linie für diese Überlieferung ist:13

  1. Dragri Pabongkha Gyatso Thaye
  2. Reting Trichen Tenpa Rabgye (blo bzang ye shes bstan pa rab rgyas)
  3. Dragri Lobsang Chojor (brag ri tulku blo bzang chos ‘byor rgya mtsho)
  4. Rabjampa Ngawang Thubten (rab ‘byams pa ngag dbang thub bstan)
  5. Chos rje ye shes gtugs dkar
  6. Drin can dka’ bcu dpal ldan rdo rje
  7. Lobsang Tamdin (blo bzang rta mgrin)

Eine der interessantesten und aufschlussreichsten Überlieferungslinien ist diejenige des Rituals bezüglich rta nag can, oder dem schwarzen Pferd Aspekt von Dorje Shugden. Obwohl Lobsang Tamdin sagt, dass es von Kunga Lodro verfasst wurde, heißt es in Kunga Lodros Autobiografie, dass es von seinem Vater Sönam Rinchen verfasst wurde. Obwohl sie in der ‘Khon Familie ihren Ursprung hat, ging diese besondere Überlieferung in das Kloster Sakya von Nalendra ein. Augenscheinlich ist die frühe Übertragung der Linie detailliert im gsan yid von Nalendra Kyabgon Khyenrab Tenpa’i Wangchug Gyurme enthalten. Diese Überlieferung kam durch Lhatsun Rinpoche in die Gelug, der sie von bco brgyad khri chen byams pa rin chen mkhyen brtse’i dbang po des Kloster Sakya von Nalendra empfing. Die Linie für diese Überlieferung ist:14

  1. Sakya Thronhalter Kun dga’ blo gros
  2. Vierzehnter Nalendra Kyabgon (na le ndra pa skyabs mgon mkhyen rab bstan pa’i dbang phyug ‘gyur med mchog grub)
  3. gZims ‘og sprul sku byams pa ngag dbang bstan ‘dzin ‘phrin las15
  4. rDo rje ‘chang byams pa ngag dbang chos ‘phel
  5. bCo brgyad khri chen byams pa rin chen mkhyen brtse’i dbang po
  6. Lhatsun Chogtrul Rinpoche (lha btsun mchog sprul rin po che)
  7. Lobsang Tamdin (blo bzang rta mgrin)

Der Abt des tantrischen Kollegs von Sera, Namkha Tenkyong, verfasste ein kurzes Kangso, das durch eine Reihe von aufeinander folgenden Äbten des tantrischen Kollegs von Sera weitergegeben wurde, bevor es Lobsang Tamdin erreichte. Die Linie für diese Überlieferung ist:16

  1. Ser sngags mkhan chen nam mkha’ bstan skyong
  2. Ser sngags mkhan po tshul khrims dar rgyas17
  3. Ser sngags mkhan zur bstan ‘dzin brtson ‘grus
  4. ‘Bras sngags chos mdzad
  5. Lobsang Tamdin (blo bzang rta mgrin)

Weiterhin enthalten sind viele andere Übertragungen, wie die vollständigen geschriebenen Werke von Trehor Khangsar Rinpoche,18 und die Überlieferungen der geschriebenen Werke von Shide Nyungnä Lama Yeshe Sangpo.19

Fußnoten

1 MHTL, S. 30-32.
2 Levison, Jules B. Metaphors of Liberation: Tibetan Treatises on Grounds and Paths, Section 4 of 7, S. 263-266.
3 TBRC Work RID: W13536.
4 Übersetzt von José Ignacio Cabezón, veröffentlicht von Mysore Printing and Publishing (1984).
5 Napper, Elizabeth. (2003). Dependent-Arising and Emptiness. Wisdom Publications, S. 722.
6 Levison, Jules B. Metaphors of Liberation: Tibetan Treatises on Grounds and Paths, Section 4 of 7, S. 263-266.
7 Vorwort S. x, A Study of the Dharmadharmatavibhanga, Band 1, abgerufen am 04. 07. 2009.
8 Lobsang Tamdin (1975), Band XVI, S. 202. (Bitte beachten: Gemäß TBRC ist dies numerisch Band 17, aber das Original ist als Band XVI gekennzeichnet)
9 Lobsang Tamdin (1975), Band I, S. 509.
10 Lobsang Tamdin (1975), Band I, S. 510.
11 Lobsang Tamdin (1975), Band XVI, S. 197.
12 Lobsang Tamdin (1975), Band XVI, S. 197-198.
13 Lobsang Tamdin (1975), Band XVI, S. 199.
14 Lobsang Tamdin (1975), Band XVI, S. 226.
15 TBRC Person RID: P7031 besagt, dass er ein Student von Kunga Lodro war und ein „wichtiger Lehrer in der Überlieferung des ‘od zer dri med lha drug, 4. Mandala des rgyud sde kun btus; Er empfing die Unterweisungen und übertrug sie durch die zhwa lu Tradition.”
16 Lobsang Tamdin (1975), Band XVI, S. 221.
17 TBRC Person RID: P6091.
18 Lobsang Tamdin (1975), Band XVI, S. 91-93.
19 Lobsang Tamdin (1975), Band XVI, S. 220.