Morchen Kunga Lhundrub

Morchen Kunga Lhundrub (1654 – 1728)

„Obwohl Du die reine Natur des Dharmakayas gefunden hast, strahlst Du durch die Kraft Deines Mitgefühls eine Form aus …”

Morchen Dorjechang, dessen voller Name Morchen Kunga Lhundrub ist (rmor chen kun dga’ lhun grub) 1 war ein sehr einflussreicher Meister in der Sakya-Tradition. Als Linienguru der Naro Kachö Praxis (na ro mkha’ chos) von Vajrayogini wird er gleichermaßen von Gelugpas verehrt, die dieser Tradition folgen. In der Sakya ist er sehr bekannt als ein Linienhalter des Sakya Pfades und Resultates und er hielt auch viele weitere Linien.

Als er fünf Jahre alt war, traf er den 28. Sakya Thronhalter Jamgon Amyeshab (1597-1659). Er empfing von ihm die Ordination mit dem zeremoniellen Haareschneiden, und erhielt den Namen Kunga Lhundrub. Jamgon Ameyshab gewährte ihm auch andere Übertragungen und Ermächtigungen, wie die Langlebenseinweihung, Rong Tong [rong stong’s], die Übertragung der Vollkommenheit der Weisheit und die Einweihung in Mahakala Gurgon Trochu [gur mgon khro bcu]. Morchen studierte in der Gegend von Mor und empfing den Ling Say [gling bsre] Abschluss im Alter von 19 Jahren sowie den Kachu [bka' bcu] Abschluss im Alter von 20, wonach er nach Sakya ging. 2 Er empfing die Ordination im Alter von 25 von Padma Trinley (1641-1717) einem wichtigen Nyingma-Meister (zufällig einer der Meister, die vom 5. Dalai Lama gebeten wurden, an der Feuerpuja teilzunehmen um Dorje Shugden zu verbrennen).

Nachdem er von Padma Trinley3 die Ordination erhalten hatte, gelang es Morchen kaum, sich von einer schweren Krankheit zu erholen, und er war nicht imstande die Lamdre Unterweisungen von ihm zu erhalten. Nach seiner Genesung erhielt er Lamdre Unterweisungen von Khyenrab Jampa (1633-1703), dem Neunten Gyay Trichen [brgyad khri chen] des Klosters Nalendra. Er blieb dann für viele Jahre bei Khyenrab Jampa und wurde sein Herzschüler. Er diente als Abt vieler größerer und kleinerer Klöster, wie den Klöstern Mor, Rawa Me und Tashi Chöde. Im Jahr 1728 verstarb er und ging in das Reine Land von Vajrayogini, Khechara4.

Unter seinen vielen Schülern war der Gelug-Meister Jamyang Dewa Dorje (1682-1751) 5, ein Schüler des ersten Jamyang Shepa. Von Morchen empfing er die Übertragung der Sakya-Praxis von Marpo Korsum (Kurukulle, Dakkiraja und Rotem Ganesha), welches Teil der dreizehn Goldenen Dharmas ist. Wie man aus Morchens Autobiografie ersehen kann, entwickelte er in seinen späteren Jahren eine enge Beziehung mit vielen aus der Gelug-Sekte, besonders in der Lhokha-Region in Südtibet. Unter denen, die viele Einweihungen und Übertragungen von Abhayakara’s Vajramala und Narokhachö erhielten, sind 20 Mönche des Klosters Riwo Chöling in Lhoka 6, und später, als Morchen 61 Jahre alt war, befanden sich 50 Mönche von Riwo Chöling unter den Anwesenden. 7 Weiterhin gab er in Ganden Khangsar allen Mönchen eine Einweihung in den geheimen Hayagriva. 8

Gegenwärtig sind nur wenige seiner geschriebenen Werke erhältlich. Obwohl seine gesammelten Werke scheinbar nicht veröffentlicht sind, sind einige Einzelwerke erhältlich, z.B. ein Ritual über Gyab Shi [brgyab bzhi] 9, welches als ein Heilmittel seinen Ursprung hatte, als Buddha erkannte, das Shakra, der Herr der Götter, krank war, weil er von Dämonen besessen war und dies rezitierte. Bezüglich Dorje Shugden sagt Morchen in seiner Autobiografie, dass er Dorje Shugden Tsel im Jahr 1718 Handlungen anvertraute und Shugden akzeptierte dies freudvoll. 10 In seiner Autobiografie gibt es auch einen Verweis auf Trode Khangsar, wo er Amitayus und Hayagriva Ermächtigungen gab 11. Zuvor gab er außerdem dem Gyalchen Orakel die Langlebensermächtigung von Amitayus und Hayagriva.12 In Trengpo [‘phreng po] Ganden Ling wurde er eingeladen, den Gyalchen Tsang Khang [gtsang khang] zu weihen 13.

Wie zuvor erwähnt, bestehen Morchens Schriften aus dem zweiten Teil des Rituals Dorje Shugden Tsal Gyi Solka Trinlay Dojo [rdo rje shugs ldan rtsal gyi gsol kha ‘phrin las ‘dod ‘jo] oder Bitte an Dorje Shugden Tsel: Alle erwünschten Handlungen zu gewähren. Morchens Text beginnt im Anschluss an die einleitenden Teile des Rituals, die von Dre’u Lhas verfasst wurden. Morchen fügt weitere Details hinzu, die nicht ausdrücklich von Dre’u Lhas erwähnt wurden. Dies erweitert die Grundlage, die von Dre’u Lhas gelegt wurde. Die ikonografischen und rituellen Ursprünge Dorje Shugdens finden in diesem Ritual ihren Anfang, mit der wohl frühesten Beschreibung von Dorje Shugden einschließlich der vier ihn umgebenden Ausstrahlungen. Nahezu alle späteren Rituale der Gelug basieren in Struktur, Terminologie und Beschreibungen auf diesem Ritual. Insbesondere die Beschreibungen der vier umgebenden Ausstrahlungen stimmen exakt mit dem überein, was auf modernen Gelug Thangkas und in Ritualen dargestellt wird.

Die erste Ausstrahlung steht in Verbindung zu friedlichen Handlungen und hält eine mit Seidentüchern geschmückte Lanze (mda’ dar), die in der tibetischen Kultur und im Buddhismus als ein Ritualobjekt bekannt ist. 14 Die nach unten zeigende Lanze bedeutet das Unterwerfen von Feinden und die fünffarbigen Seidentücher bedeuten anwachsenden Reichtum (g.yang). Die linke Hand hält eine Schlinge (shag dzin).15

Mit einem strahlenden Körper wie ein Schneeberg,
Auf einem würdevollen Elefanten reitend,
Mit einem Schal, Mantel und Hut bekleidet,
Hältst Du eine Seidenlanze und eine Schlinge und vollendest Handlungen.

Als nächstes folgt die Lobpreisung der Ausstrahlung, die in Verbindung mit vermehrenden Handlungen steht. Aus tantrischer Sicht bezieht sich dies auf das Vermehren von Lebensspanne, Reichtum usw.

Goldene Gottheit auf einem Palominopferd,
Die ein königliches Juwel und eine Vase in der Hand hält,
Mit Juwelen geschmückt und in gelben Roben,
Preise ich Dich, Vermehrer von Lebensspanne und Verdiensten.

Der Vajrankusa ist ein Instrument, das auf einem Elefantenstachel oder eisernen Haken basiert (chag kyu [lcags kyu]), der verwendet wird, um Elefanten zu kontrollieren und zu leiten. Es ist eine lange Stange mit einem gekrümmten Messer am Ende. Als Ritualinstrument ist er modifiziert mit einem Vajra an der Spitze. Er symbolisiert „sowohl die Negativität von bösen Wesen zu fangen, als auch alle Wesen aus Samsara und zur Befreiung zu ziehen.“ 16 Da dieses Instrument mit der tantrischen Handlung der Kraft verbunden ist (wang), ist es kein Zufall, dass auch Taras Manifestation der ermächtigenden Handlungen, Kurukulle, dieses als ein Hauptinstrument hält 17. Es ist gleichermaßen ein Instrument der Shugden-Ausstrahlung, die mit ermächtigenden Handlungen verbunden ist.

Mit einem rubinroten, lächelnden Gesicht,
Mit eisernem Haken, Schlinge und gewandet in eine rote Tracht,
In der Manier eines Ministers und auf einem türkisfarbenen Drachen reitend,
Lobpreisung an den großen König, der die drei Welten erobert.

Die letzte Ausstrahlung ist mit zornvollen Handlungen verbunden und dies ist eine Funktion, die nicht nur auf Dorje Shugden und seine Ausstrahlungen begrenzt ist.

Mit dunkelroter Farbe und zornvoller Art,
Mit einer Klinge in der rechten Hand und einem Herz in der linken,
Durchquerst Du den Himmelraum auf einem kometenhaften Garuda,
Lobpreisung an den Zerstörer von Feinden, die ihre Samaya-Gelübde brechen.

Diese vier Handlungen werden allgemein als trinlay namshi [‘phrin las rnam bzhi] bezeichnet. Dann fährt Morchen mit weiteren Versen fort, um seine Gebete zu erfüllen:

Durch die Kraft meiner Lobpreisungen an Dich, Herr der Beschützer,
Führe unermessliche friedvolle, vermehrende, kraftvolle und zornvolle Handlungen aus,
Verbreite und vermehre die allgemeine und besondere Lehre,
Führe alle Handlungen aus, so wie sie erbeten werden.

Dharma-Beschützer Dorje Shugden Tsel,
Verbleibe beständig, untrennbar von meinem Herzen,
Ich bringe einsgerichtete, tiefempfundene Bitten vor,
Zeige Deine machtvollen und wundersamen Kräfte.

Dies wird fortgesetzt mit Bitten für das Anwachsen der Lehre, das lange Leben der Lamas usw. Als nächstes folgen zornvolle Bitten (kul wa [bskul ba]), um die Feinde der Hindernisse zu Staub zu zermahlen (dra geg tal war lag dzay [dgra bgegs thal bar rlag mdzas]). Somit werden diese zornvollen Ausdrücke sehr klar bereits in den frühesten Ritualen dieses Beschützers geprägt. Im Anschluss folgt das Darbringen eines Goldenen Trankes (Serkyem [gser skyems]):

HUM
Wurzel- und Liniengurus, friedvolle und zornvolle Yidams, der Ozean an machtvollen, schwurgebundenen Beschützern – indem ich dieses reine goldene Getränk darbringe, beseitigt schlechte Bedingungen und erfüllt günstige Bedingungen.

Insbesondere an den Dharma-Beschützer der mit Stärke und Macht versehen ist, Gyalchen Dorje Shugden und Dein Gefolge – indem ich dieses reine goldene Getränk darbringe, beseitigt schlechte Bedingungen und erfüllt günstige Bedingungen.

An die acht Klassen der realisierten Götter, die schwurgebundenen, demütigen Geister und ihr Gefolge – indem ich dieses reine goldene Getränk darbringe, beseitigt schlechte Bedingungen und erfüllt günstige Bedingungen.

Dann folgt eine Reihe von Versen der Inthronisierung (nga sol [mnga’ gsol]):

HUM
Obwohl Du die reine Natur des Dharmakayas gefunden hast,
Strahlst Du durch die Kraft Deines Mitgefühls eine Form aus,
Ich vertraue mich Dir an, damit Du
Die zahllosen Handlungen der Bodhisattvas aller drei Zeiten ausführst.

Du stehst auf einem furchtlosen Löwenthron,
Grenzenlos machtvoller Dorje Shugden Tsel,
Und trägst die drei Roben eines Mönches,
Ich ersuche Dich, unendliche Manifestationen zu zeigen.

In Morchens Teil des Rituals ist dies die einzige Beschreibung der Hauptfigur, die hier auf einem Löwenthron steht. Es wird nicht erwähnt, dass er ein Pferd reitet. Somit ist dies eine getrennte, frühere Tradition als die von Dorje Shugden, die ein Pferd reitet (ta nag chen [rta nag can]) und anfänglich von den Sakya Thronhaltern verehrt wurde.

Gemäß Trijang Rinpoches Werk über Dorje Shugden ist dies nicht der einzige Text der von Morchen Dorjechang verfasst wurde. Es gibt auch Eine Darlegung der drei Handlungen des Königs (lay sum gyatso namshag [las gsum rgyal po’i rnam gzhag]). Allerdings scheint gegenwärtig nur noch der Name dieses Werkes zu existieren.

Fußnoten

1TBRC Person RID: P797
2 Stearns, Cyrus (2006). Taking the Result as the Path. Wisdom Publications, S. 271, 272.
3TBRC Person RID: P657.
4 Stearns, Cyrus (2006). Taking the Result as the Path. Wisdom Publications, S. 273.
5 TBRC Person RID: P345.
6 Morchen Kunga Lhundrup (1983), S. 538.
7 Morchen Kunga Lhundrup (1983), S. 561.
8 Morchen Kunga Lhundrup (1983), S. 602.
9 brgya bzhi’i cho ga legs mdzes ‘phreng ba (1974). New Delhi: Ngawang Topgay.
10 Morchen Kunga Lhundrup (1983), S. 577.
11 Morchen Kunga Lhundrup (1983), S. 618.
12 Morchen Kunga Lhundrup (1983), S. 598.
13 Morchen Kunga Lhundrup (1983), S. 599.
14 Beer, Robert (2003). The Handbook of Tibetan Buddhist Symbols. Serindia Publications, S. 119.
15 Guru Deva Rinpoche (1984), S. 237-243. Auf diesen Seiten befindet sich Morchen’s Teil des Rituals.
16 Beer, Robert (2003). The Handbook of Tibetan Buddhist Symbols. Serindia Publications, S. 302.
17 Beyer, Stephen (1978). The Cult of Tara: Magic and Ritual in Tibet. University of California Press, S. 301.

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