Ngawang Lobsang Gyatso

Fünfter Dalai Lama: Ngawang Lobsang Gyatso (1617-1682)

Der 5. Dalai Lama wurde 1617 in Stag rtse, in der Region Phyong rgyas im Süden Tibets (Lhoka) geboren. Vom Moment seiner Geburt an bis zum Zeitpunkt seines Todes, lehrte er kontinuierlich den Dharma, womit er zeigte, das er bewusst eine Wiedergeburt als Ausstrahlungskörper angenommen hatte. Er hatte viele Visionen von Atisha, Jetsun Tsongkhapa sowie vielen anderen Gottheiten und heiligen Lamas. Wie in einer Prophezeiung im Kadam Glegs bam enthüllt, wurde er im Einverständnis mit verschiedenen Dharmabeschützern1 vom Panchen Lama Lobsang Chökyi Gyaltsen (1570-1662) als die Reinkarnation von Yönten Gyatso anerkannt.

Der berühmte Panchen Rinpoche bestätigte auch Tulku Dragpa Gyaltsen als die Reinkarnation des gzims khang gong ma.2 Dies kann in der eigenen Autobiografie, Du ku la`i gos bzang, des 5. Dalai Lama gefunden werden (Abschnitt ka, Blatt 26a 2 – 3). Panchen Rinpoche verfasste außerdem eine Auflistung von Tulku Dragpa Gyaltsens Inkarnationslinie.3 Zuvor war er Kandidat für die Ernennung als 5. Dalai Lama.4 Indessen sind die Probleme, wenn es um das Anerkennen von Reinkarnationen geht, nicht von der Hand zu weisen und dieser Fall bildet keine Ausnahme. Samten Karmay zitiert die Autobiografie des 5. Dalai Lama wie folgt:5

Der offizielle Tsawa Kachu des Ganden Palastes zeigte mir Statuen und Malas (die dem 4. Dalai Lama und anderen Lamas gehört hatten), aber ich war nicht in der Lage sie zu unterscheiden! Als er den Raum verließ konnte ich ihn zu den Leuten draußen sagen hören, ich hätte die Tests erfolgreich bestanden. Später als er mein Tutor wurde ermahnte er mich oft und sagte: “Du musst hart arbeiten, weil du die Objekte nicht erkennen konntest!“

Wenngleich Shugden Gegner die Authentizität Tulku Dragpa Gyaltsens in Frage stellen, da er als Kandidat für die Inkarnation des 5. Dalai Lama übergangen worden ist, können in Anbetracht des obigen Zitats dieselben Fragen zur Authentizität Ngawang Lobsang Gyatsos gestellt werden. Es ist allgemein üblich mehre Kandidaten zu haben und viele der vorgestellten Kandidaten werden im nach hinein als eine andere, bzw. ihre eigene, korrekte Inkarnation anerkannt. Demnach war die Anerkennung als Tulku Dragpa Gyaltsen keine ausgleichende Entschädigung und damit eine Reinkarnation zweiter Klasse, wie Dreyfus es andeutet.6 Etwas Vertrauen in Reinkarnation und deren Auffindung vorausgesetzt, ist dies sicherlich kein System das Belohnungen vergibt. Ganz im Gegenteil, große Gewissenhaftigkeit ist vonnöten, um die tatsächliche Reinkarnation zu finden.

Da zu dieser Zeit die Gelug Sekte unter der Kontrolle des gTsang Imperiums stand unternahm der Panchen Rinpoche außerordentliche diplomatische Anstrengungen, damit der gTsang pa Gouverneur der Einladung des 5. Dalai Lama in das Kloster Drepung zustimmte. Er wurde im alter von sechs Jahren im Ganden Podrang in Drepung inthronisiert.7 Der 5. Dalai Lama gründete später die dreizehn großen Gelug Klöster (gling bcu gsum), wie Dol Sungrab Ling und Ganden Phelgeyling.

Obwohl es Unterschiede in den Darstellungen über Tulku Dragpa Gyaltsens Tod gibt, sind diese höchstwahrscheinlich die Folge von Variationen in den mündlichen Traditionen und Spekulationen ergänzten die Details, die für jene außerhalb des inneren Kreises um den 5. Dalai Lama unzugänglich waren. Die Autobiografie des 5. Dalai Lama, Du ka la’i gos bzang, ist eine der wenigen chronologischen Quellen, die die Situation zu dieser Zeit dokumentieren. Und was dort zu diesem Thema steht wurde zwar schon zuvor geprüft, aber von modernen Gelehrten, die die Dorje Shugden Geschichte recherchierten, nicht zu Herzen genommen. Obwohl die Überprüfung dieser Darstellung eine von mehreren Notwendigkeiten für eine deckende Recherche ist, um die gesamte Situation zu verstehen, bietet sie viele, aber nicht alle Details, die in der Entstehungsgeschichte Dorje Shugdens verwendet werden. Tatsächlich stimmt es mit vielem was von Dorje Shugden Befürwortern geschrieben wurde mehr oder weniger überein, insbesondere mit Kyabje Trijang Rinpoches Musik, die einen Ozean an Beschützern erfreut.

Einer Hauptpunkte sind die wiederholten Versuche des Regenten des 5. Dalai Lamas (der zuvor sein phyag mdzod war) die Position Tulku Dragpa Gyaltsens zu untergraben. Einer der ersten Versuche dieser Art fand 1639 statt und ist in der Autobiografie des 5. Dalai Lama festgehalten:8

bKra-shis-rgya-mtsho, der ranghöchste Mönch (bdu mdzad) in der ganzen Klosterversammlung, verkündete, das er ein ein Gebet an die Reihe der Vorgänger des sprul sku gZims-khang-gong-ma verfasst habe. Angefangen mit Kashmir Pandita und Bu-ston Rin-po-che, woraufhin der Ehrwürdige [phyag mdzod] sagte, weil Pan-chen Rin-po-che und Gling-smad zhabs drung der Meinung sind das Bu-ston Rin-po-che im Kolophon von einem der Werke pan-chen bSo-rnams-grags-pa’s missverstanden wurde, sei diese [Reihe von Vorgängern] nicht angemessen, und so wurde ein gewöhnliches Gebet verwendet und die von ihm (dem phyag mdzod) nicht erwünschten Dokumente wurden vernichtet (VRN, Ka, Blatt 91b4-6)

Dann, nachdem Gushri Khan das gTsang Imperium stürzte und der Regent an Macht gewann, fuhr er fort den Status Tulku Dragpa Gyaltsens anzugreifen. Laut dem 5. Dalai Lama wurde Tulku Dragpa Gyaltsen durch die Manipulation des Regenten Sönam Rabten9 in seinem Rang zurückgestuft.

Bis dahin entsprachen [seine] Sitzgelegenheit usw. dem Respekt, der einem hohen Lama gebührt, aber im Wasser-Pferd [Jahr] (1642) wurde er durch die direkte Entscheidung des Regenten auf den dritten Rang zurückgestuft.

Die persönliche Beziehung zwischen Tulku Dragpa Gyaltsen und dem 5. Dalai Lama schien darunter nicht gelitten zu haben. Tulku Dragpa Gyaltsen, vom 5. Dalai Lama ausdrücklich aufgeführt unter dem Namen gZims-khang-gong-ma, nahm 1656 an einer 23-tägigen Übertragung von Werken des 2. Dalai Lama Gendun Gyatso durch den 5. Dalai Lama teil und lud ihn im selben Monat zum Tee ein. Darüber hinaus, als Tulku Dragpa Gyaltsen kurz später krank wurde, versuchte der Regent Sönam Rabten den 5. Dalai Lama davon abzuhalten ihn zu besuchen. Aus der Autobiografie des 5. Dalai Lama:10

Die Reinkarnation des gZims-khang-gong-ma wurde am 25. Tag [des vierten Monats] von einem plötzlichen Fieber angegriffen. Ich bereitete mich vor aufzubrechen, weil ich gebeten wurde zu kommen und ein Einweihungsritual durchzuführen, um Böses abzuwenden, als der Regent aus Lhasa [eine Mitteilung schickte], die besagte dass es unangemessen sei jetzt [zu gehen], weil es eine ansteckende Krankheit zu sein schien für welche es keine Ausnahmen gäbe. Er hatte auch gZims-khang-gong-ma in Kenntnis gesetzt, und da es für eine derart ansteckende Krankheit keinerlei Schutz gibt, war ich gezwungen den Anweisungen [des Regenten] zu folgen, [meinen Besuch] zu verschieben. (ibid., 248a-2-4).

Wie man an der Terminologie erkennen kann, erkennt der 5. Dalai Lama ihn hier und an anderen Stellen in seiner Autobiografie als Reinkarnation des gZims-khang-gong-ma an. Weiterhin sagt die Autobiografie des Fünften in diesem Zusammenhang, dass Tulku Dragpa Gyaltsen durch die Pflege von Gling-stod chos-rje und Byang-ngas gesund wurde (was an der Tatsache das die Krankheit ansteckend war zweifeln lässt), brachte Tee an die Versammlung des Klosters Drepung dar, und richtete Bitten an das Nechung Orakel.11 Daraufhin begab sich der 5. Dalai Lama zum gZims-khang-gong und gab die Einweihung, was aber nicht erfolgreich war, denn Tulku Dragpa Gyaltsen verlor das Bewusstsein und verstarb kurz darauf.12 Diese Einträge scheinen nicht auf eine Konkurrenz zwischen den beiden Lamas hinzudeuten, wie Dreyfus behauptet.13 Daher scheint es, das die Rivalität nicht zwischen diesen beiden Lamas bestand, sondern ein Problem mit dem Regenten selbst war.

Wie in der Autobiografie des 5. Dalai Lama zu lesen ist, ergriff der große Beschützer (Nechung), nicht lange nach Tulku Dragpa Gyaltsens Tod (in der Autobiografie ein Blatt weiter), während des Palden Remati (Lhamo) Rituals Besitz von einem Vajra-Meister und sagte dem 5. Dalai Lama, dass es Störungen im Teehaus gäbe. Der 5. Dalai Lama hatte Visionen von einem etwa achtjährigen Affen.14 Dann forderte ihn der Beschützer auf, der Feuerbestattung von Tulkus Körper fernzubleiben und so blieb er im Potala wo er in tugendhafter Praxis verweilte. Er hoffte auf ein Zeichen, dass einige der Störungen (las sgrib) geklärt würden, aber hatte einen Traum von einem Mönch der zu einem Tier wurde und andere unheilvolle Vorfälle geschahen.15 Wenn Tulku Dragpa Gyaltsen eines natürlichen Todes oder durch Suizid gestorben wäre, müsste der 5. Dalai Lama dann wegen karmischer Störungen (las sgrib) besorgt sein? Dies könnte darauf hinweisen, das er anfing, sich des falschen Spiels des Regenten bewusst zu werden und sich möglicherweise aufgrund der Verbindung schuldig fühlte. Schließlich wurde es nötig zu Handeln, denn der Regent wurde anschließend krank, offenbar im Zusammenhang mit seinen fehlerhaften Versuchen, Dinge zu verschleiern, wie vom 5. Dalai Lama angeführt:16

Indessen hatte der große Beschützergott [gNas-chung] den Regenten durch zwei klösterliche Vorsteher im Vorjahr informiert, als er [der Chos rjes] sich aufmachte, um die Bäder in Tod-lhung zu nehmen, dass die Stupas und so fort am gZims-khang-gong, die von Dämonen besessen waren, an einen anderen Ort gebracht werden müssten, und das führte zur Erkrankung [des Regenten]. Als er sagte, dass [das Gebäude des] gZims-khang-gong jetzt verlegt werden müsste, da sich schlechte Omen und Missgeschicke verstärkt hätten… Aber, wahr oder nicht, wenn die acht großen Stupas nicht zerstört worden waren, würde sich das allgemeine Verständnis, wonach Geräusche und Stöhnen aus dem inneren der Stupa gehört werden können, irren, und so wurden seine Reliquien usw., ohne irgendeine Schlussfolgerung erreicht zu haben, zum Haus der Gad-kha-sa Familie in sTod-lung-mda’ gebracht, und seine Möbel und anderes Eigentum wurde nach Chu-sbug im Osten gebracht (VRN, Ka, S. 264b4-265a1).

“Chu-sbug” bezieht sich auf ein Gewässer, höchstwahrscheinlich einen Fluss, auf denen Holz in Tibet transportiert wurde. Diese Beschreibungen sind die direkten Erfahrungen und Worte des 5. Dalai Lama kurz bevor und nach Tulku Dragpa Gyaltsens Tod. Dennoch kommentiert Dreyfus, dass “diese Geschichte auffällig ist” und legt nahe, dass es eine später entstandene Erzählung sei, die Feindseligkeit gegenüber dem Dalai Lama repräsentiert.17 Später wurden Interpretationen hinzugefügt, in Texten wie etwa Rosenkranz der weißen Lotosblumen, die behaupteten, dass dies geschehen sei, weil der 5. Dalai Lama auf Kosten der Gelug die Nyingma-Lehre ausgeübt habe. Wie auch immer, Interpretationen beiseite, die Erfahrungen an sich wurzeln alle in der Autobiographie des 5. Dalai Lama und sind keine später erfundenen Erzählungen.

Im Vergleich mit diesen Ereignissen sind die Entschuldigung des 5. Dalai Lama und die Anerkennung von Dolgyal, der Reinkarnation des verstorbenen Tulku Dragpa Gyaltsen, nicht so klar in den chronologischen Einträgen der Autobiografie des 5. Dalai Lama. Statt dessen werden Indizien aus den Umständen und logische Betrachtungen der Entwicklung der Shugden Praxis später in Betracht gezogen. Ein erwähnenswerter Punkt ist allerdings, dass sich diese chronologischen Einträge auf Maßnahmen beziehen, die getroffen wurden um die Situation zu kontrollieren, aber nur retrospektiv. Beispielsweise heißt es im zuvor zitierten Journaleintrag, dass der Regent zuvor von Nechung gewarnt worden sei, die Stupas zu versetzen, aber dies wird nur retrospektiv erwähnt, nachdem ihn spätere Umstände zwangen, diese Details offen zu legen. Ähnlich heißt es in einem späteren Eintrag, dass ein Altar zur Verehrung von Dolgyal im Erde-Vogel Jahr errichtet worden ist, aber im Erde-Vogel Jahr findet sich keinerlei biografischer Eintrag dafür; es wird nur retrospektiv erwähnt. Somit kann gefolgert werden, dass nicht alle Ereignisse in der Autobiografie des 5. Dalai Lama aufgezeichnet worden sind, was auf eine Tendenz hinweist, diese Angelegenheit irgendwie verschlossen zu halten. Die Entscheidung, die Reliquien von Tulku Dragpa Gyaltsen an einen anderen Ort zu bringen, wurde höchstwahrscheinlich getroffen, um die Situation unter Verschluss zu halten und eine weite Verbreitung von Informationen zu verhindern, die Kontroversen und weitere Komplikationen verursacht hätten.

Zeitgenössische „Außenseiter“ wie der Mongole Jaya Pandita, haben ebenfalls über die Fragen geschrieben, die über diese Zeit aufgeworfen worden sind. Am Schluss seiner Biografie von Tulku Dragpa Gyaltsen schreibt er, dass viele Leute begannen sich Fragen zu stellen, da er ein heiliges Wesen mit Macht über Leben und Tod gewesen sei und wohl nicht bleiben wollte und zu einem anderen Land gegangen sei. Er weist spezifisch darauf hin, obwohl Tulku Dragpa Gyaltsen vom 25. Tag des vierten Monats an von gLing-stod zhabs-drung und Byang-ngas gesund gepflegt wurde, verstarb er am 13. Tag des folgenden Monats, und folgert daraus, dass es nicht sicher sei, wie er verstarb. Trotzdem gibt es keine Erwähnung der Zerstörung des oberen Anwesens.18 Somit war der Dalai Lama teilweise erfolgreich in der Unterdrückung der Heimsuchungen und eines nachfolgenden großen Skandals, der entstanden wäre, wenn Außenstehende dies miterlebt hätten.

Die Einzelheiten der Geschehnisse nach der Beseitigung von Tulku Dragpa Gyaltsens Anwesen im Kloster Drepung durch die Verwalter des 5. Dalai Lama können ebenfalls im zweiten Band der Autobiografie des 5. Dalai Lama gefunden werden. Dort beginnt Dolgyal oder Dol chu mig dkar mo rgyal zu entstehen. Das ist der Zeitpunkt an dem begonnen wird, das eigentliche Geisteskontinuum des verstorbenen Tulku Dragpa Gyaltsen als eine Wesenheit zu erkennen, die über die zuvor erwähnten Beschreibungen hinaus Schaden bewirkt. Auf Blatt 173b5-b6 in Band 2 der Autobiografie des 5. Dalai Lama gibt es einen Eintrag, dass die Kraft des Dol chu mig dkar mo rgyalangewachsen sei und viele störende Manifestationen beobachtet worden seien. Von Dranag Chöje wurde ein Feuerritual durchgeführt und mehrere andere Klöster führten verschiedene Rituale aus. Dies war offenkundig keine langfristige Lösung, denn im gleichen Band auf Blatt 239a1 finden wir Dol chu mig dkar mo rgyal als Ziel von weiteren Ritualen, von denen behauptet wird, dass sie erfolgreich gewesen seien.

Schließlich heißt es auf den Blättern 257a1-257b5, dass seit dem Feuer-Vogel-Jahr (1657-1658) der Schaden durch Dol chu mig dkar mo, der aus verzerrten Gebeten geboren wurde zugenommen hatte. Wichtig ist, dass im Text vom Feuer-Vogel-Jahr die Rede ist, welches korrekt als 1657-1658 decodiert wird, und nicht 1636, wie es Dreyfus sagt. Er argumentiert, „dass es andere Shugden Geschichten gibt, die von dem Geist berichten, der später mit Dragpa Gyaltsen in Verbindung gebracht wird, dass er bereits vor dem Ableben des letzteren aktiv gewesen sei, sogar bereits 1636“, und benutzt dies fälschlicherweise als Grund für die Behauptung, dass die Verbindung zwischen Dragpa Gyaltsen und Shugden ein Mythos sei.19 Die Autobiografie des 5. Dalai Lama besagt, dass im Erde-Vogel-Jahr (1669-1670) in Dol chu mig dkar mo ein Altar errichtet wurde, um den Geist versöhnlich zu stimmen. Dennoch verstärkte sich der Schaden und eine Entscheidung wurde getroffen, Dol chu mig dkar mo durch yogische Anwendung (sbyin sreg gi las sbyor) zu verbrennen, und eine Gruppe von Praktizierenden wurde zusammengestellt. Dies behauptet, dass alle überzeugt waren, dass Dol chu mig dkar mo zerstört worden war, da der Geruch von verbrennendem Fleisch aufstieg. Welche Konsequenzen es hat, dies als definitive Feststellung zu betrachten, wird später untersucht.

Es gibt nicht viel erhältliche Informationen über den Altar in Dol, aber einige Bezugnahmen. Per K. Sorensen bezieht sich auf die Biografie des 5. Dalai Lama als Quelle in Rulers on the Celestial Plain: Ecclesiastic and Secular Hegemony in Medieval Tibet A Study of Tshal Gung-thang: „Der Dol rgyal Tempel (der heute nicht mehr existiert), lag im westlichen Seitental des unteren Dol. Wahrscheinlich wurde in der gleichen Periode das dGa’-ldan gSung-rab-gling von Dol gegründet. Es zählt zu den dreizehn großen Klöstern (gling bcu gsum) der dGa’-ldan-pa, von denen die meisten auf die Zeit des 5. Dalai Lama zurück gehen (Siehe Anhang II), der z.B. Dol gNas-gsar 1656 besuchte (DL5 I 2776b)“. The Geography of Tibet According to the ’Dzam-gling-rgyas- bshad besagt, dass es eines von mehreren Gelug-Klöstern nahe des Nyingma-Klosters Dorje Drag sei, am südöstlichen Ufer des Gtsang-chu Flusses.20 Auch Pabongkha Rinpoches Biografie erwähnt, dass er Dol gSung-rab-gling ungefähr 1920 besuchte. Am 10. Tag des 10. Mondmonats ging er zum Dol chu mig dkar mo wo eine Reliquie von Tulku Dragpa Gyaltsen aufbewahrt wurde. Eine Darbringung wurde ihr gemacht und ein Erfüllungsritual ausgeführt.21 Somit wurde der Dolgyal Tempel höchstwahrscheinlich während der Kulturrevolution zerstört.

Der Bericht über den Versuch des 5. Dalai Lama Dorje Shugden durch Rituale zu unterwerfen wird weder von Shugden-Gegnern noch von seinen Verehrern bestritten. Allerdings sind das wirkliche Ergebnis und die nachfolgenden Ereignisse umstritten. Solche Rituale sind als mnan sreg ‘phangs gsum bekannt – unterdrücken, brennen, schleudern. Bezüglich des Brennens, welches als letztlich angewendeter Versuch in der Autobiografie des 5. Dalai Lama erwähnt wird, beinhaltet dies, dass die Wesenheit, gegen die es gerichtet ist, „in ein Reines Land geschickt wird“. In der Autobiografie wird behauptet, dass das Ritual erfolgreich war, was bedeutet, das Dolgyal ausgelöscht worden ist. Wenn dies allerdings als definitiv angenommen wird, ist dies nicht in Übereinstimmung mit den Argumenten von Shugden Gegnern, die dies zitieren, aber dennoch behaupten, dass der gegenwärtige ontologische Zustand von Dolgyal der eines Geistwesens sei. Wenn der autobiografische Eintrag als definitiv angenommen werden soll, dann ist die einzig mögliche gültige und widerspruchsfreie Sichtweise, dass Dorje Shugden Verehrer eine nicht-existente Wesenheit verehren, was ganz klar ein Standpunkt ist, der weder gegenwärtig noch historisch jemals von irgend jemandem vertreten wurde. Weiterhin widerlegt die nachfolgende historische Entwicklung von Dorje Shugden/Dolgyal, insbesondere unter den Sakyas, ganz klar die Möglichkeit, dass diese Behauptung über seine Auslöschung definitiv ist.

Gemäß dem Lexikon Weiße Muschel, wurde Trode Khangsar an der Südseite des alten Lhasa im 17. Jahrhundert als Dorje Shugden Schrein (rten mkhar) vom 5. Dalai Lama für gZhim khang Tulku Dragpa gegründet, der die Form eines dregs annahm. Dondrub Gyatso vom Kloster Riwo Chöling in Lhoka in Südtibet wurde das Patronat übertragen. Riwo Chöling setzte einen Aufseher ein und es gab regelmäßige Gebetszeremonien und ein Dorje Shugden Orakel. Auf der Ostseite, nahe dem äußeren Tor des Trode Khangsar war sMon skyid khang gsar, der ebenfalls von Riwo Chöling unterhalten wurde und wo der btsan rgod Khache Marpo angerufen wurde.22 Morchen Kunga Lhundrup, der zu den ersten großen Dorje Shugden Ritualen beitrug, erwähnt Trode Khangsar in seiner Autobiografie. Obwohl es also eine Zeit von nur wenig dokumentierter Aktivität von den 1670ern bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts gibt, wurde irgendwann in dieser Periode Trode Khangsar eingerichtet. Deshalb gibt es nicht viel Grund, daran zu Zweifeln, dass der 5. Dalai Lama ihn eingerichtet hat, angenommen, dass es keine bekannten großen Dorje Shugden Verehrer zu jener Zeit gab.

Die Gesammelten Werke des 5. Dalai Lama beinhalten ebenfalls eine kurze Verehrung des Yaksha Khache Marpo, in Band Da, Blatt 147a5-149a5, die auf seine Bitten hin verfasst wurde. Die Beschreibung von Khache Marpo stimmt sehr gut mit der begleitenden Gottheit, die in Dorje Shugden Ritualen gefunden wird, überein. Weiterhin werden in dieser Schrift Tsi’u Marpo, die sieben lodernden Brüder, usw. erwähnt. Deshalb ist Khache Marpo höchstwahrscheinlich eine individuelle Form, die aus dem Tsi’u Marpo Pantheon entstanden ist.

Ebenfalls in Band Da der gesammelten Werke des 5. Dalai Lama findet sich eine Sammlung an Verehrungen verschiedener Beschützer. Sie scheint irgendwann umgeschrieben worden zu sein. Insbesondere die Authentizität der angeblichen Verkündung der Verbrennung Dolgyals steht in Frage. In Band 3 von Jaya Panditas gesammelten Werken gibt es eine Biografie des 5. Dalai Lama und einen Katalog seiner gesammelten Werke. Jede der Verehrungen in Band Da ist aufgelistet. Die Verehrung an Khache Marpo ist mit den folgenden zwei Verehrungen zum Vergleich aufgelistet:23

  1. zur mkhar mdo sngags gling gi srung ma gnod sbyin kha che dmar pos rang nyid kyi gsol mchod cig rtsom shig par bskul ba’i ngor gnang ba’i bde ba can zhig zhes ba’i dbu can
  2. dbu mdzad blo bzang yon tan gyis zhus pa legs ldan phyag drugs ces ba’i dbu can
  3. btsan rgod dgangs la nyi shar gyi mchod bstod bskang ba

Aber in den gesammelten Werken des Dalai Lama vom Sikkim Research Institute of Tibetology (1991-1994), erscheint in Band Da nach dem Werk Nr. 1 die angebliche Verkündung und nicht die oben aufgelistete Nr. 2. Diese Verkündung beginnt mit diesem Vers (zitiert von Dreyfus):

Durch die Magie eines Geistwesens (?), verwandelte sich der Sohn der edlen Familie Ge-kha-sa in eine falsche Reinkarnation von Ngak-wang So-nam Ge-lek und wurde [motiviert] durch fehlerhafte Gebete (smon lam log pa’i dam srid) ein Geist.

Dreyfus zitiert es als Band Ha 423-24 der gesammelten Werke des 5. Dalai Lama, aber in Wirklichkeit ist es Band Da. Was in diesem Zitat hervorsticht ist die Behauptung, dass Tulku Dragpa Gyaltsen eine falsche Inkarnation sei, was ganz klar dem widerspricht, was in den gesammelten Werken des 5. Dalai Lama ausgesagt wird. Im Anschluss an dieses Zitat folgt die Behauptung, dass Dolgyal ausgelöscht wurde, mit den Versen an die Beschützer, beginnend mit legs ldan phyag drugs, um Dolgyal auszulöschen. Aber in Jaya Panditas gesammelten Werken findet sich statt diesem Eintrag an dieser Stelle eine legs ldan phyag drugs Verehrung, die von Lobsang Yönten erbeten wurde (oben aufgelistet). Dies steht ganz klar nicht in Bezug zu diesem Eintrag. Statt dessen gibt es nach dieser Verehrung eine andere Verehrung, in welcher gesagt wird, dass sie von Lobsang Yönten erbeten wurde. Das ist ein klarer Hinweis, dass der Eintrag bezüglich der Aussage über die falsche Reinkarnation von Tulku Dragpa Gyaltsen und der Zeugenaussage, dass Dolgyal zerstört sei, eine spätere Ergänzung ist, da Jaya Pandita dies katalogisiert hat. Weiterhin erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass der 5. Dalai Lama dies geschrieben hat, da es seinen vorherigen Aussagen widerspricht, welche die Authentizität von Tulku Dragpa Gyaltsen anerkennen.

Apokryphen sind ein altes Problem im tibetischen Buddhismus. Ein besonders ironischer Fall ist ein apokryphischer Text, der Polemiken über Apokryphen enthält. Es handelt sich um Thuken Dharmavajras Säuberung des Reinigungsjuwels, welches eine Kritik von Sumpa Khenpos (sein eigener Meister) Reinigungsjuwel ist. Thuken Dharmavajra argumentiert zu Gunsten apokryphischer Traditionen, während Sumpa Khenpo die Gültigkeit von apokryphischen Traditionen kritisiert. Der Text Säuberung des Reinigungsjuwels ist nicht in Thuken Dharmavajras gesammelten Werken enthalten und stellt das beispiellose Tabu dar, gegen den eigenen Meister zu schreiben. Dennoch argumentiert Kapstein, dass dieser Text aufgrund von hinzugezogenen Beweisen Thuken Dharmavajra zugeschrieben werden kann, obwohl er nicht in seinen gesammelten Werken enthalten ist.24

Gleichermaßen kann die kurze Verehrung an Shugden des 5. Dalai Lam nicht in seinen gesammelten Werken gefunden werden. Allerdings sind seine liberale Anerkennung der verschiedensten Beschützer und die nachfolgenden Kompositionen von Ritualen beispiellos. Pabongkha Rinpoche weist auf diese Verehrung in einem Brief hin und bezeichnet sie in einem Handbuch von Fragen und Antworten in seinen gesammelten Werken als des 5. Dalai Lama bshags bstod ‘phin bcol mdor bsdud.25 Die erste moderne Veröffentlichung des eigentlichen Textes gab es in Trijang Rinpoches Musik, die einen Ozean an Beschützern erfreut (Dam can rgya mtsho dgyes pa’i rol mo) veröffentlicht 1967 in Gangthog, Sikkim.26 Es sollte erwähnt werden, dass diese Veröffentlichung die Verehrung enthält, sowie das Kolophon, welches den Zusammenhang erklärt, in dem sie geschrieben wurde. Es hat den Anschein, dass sie erst 1996 erstmals angezweifelt wurde. Somit scheint dieser Text niemals zuvor als Apokryphe angezweifelt worden zu sein, und auch der 13. Dalai Lama scheint keinerlei Zweifel in dieser Angelegenheit aufgeworfen zu haben.

Weiterhin fügt es sich vom Standpunkt einer schrittweisen Entwicklung der Rituale gut ein und ist kaum zu ignorieren. Üblicherweise werden Ritualtexte im lauf der Zeit länger und neue Ausdrucksweisen kommen hinzu. Dieses Ritual ist vergleichsweise kurz. Es beinhaltet auch keinerlei Anachronismen hinsichtlich der Beinamen und Beschreibungen, die sich später entwickelten. Wie das Kolophon aussagt, wird ganz klar behauptet, dass das zuvor ausgeführte Verbrennungsritual nicht erfolgreich war:

Obwohl unangefochtene große tantrische Meister versuchten ihn zu unterwerfen, indem sie ihn durch ihre Rituale im Feuer verbrannten, wuchs die sichtbare Entfaltung seiner Wunderkräfte nur noch weiter an.

Der eigene Biografieeintrag (257a1-a2) des 5. Dalai Lama zur Zeit der Verbrennung nennt Dolgyal mit dem Adjektiv mthu rtsal shin tu che ba, was soviel wie äußerst große, wundersame, kraftvolle Stärke bedeutet. Dieses Ritual verwendet das umschreibende Adjektiv, nämlich mthu rtsal. Dieses Adjektiv tritt beständig in verschiedenen Formen im Lauf der Geschichte auf. Wie später erwähnt, beinhaltet Sönam Rinchens Ritual rgyal gsol log ‘dren tshar gcod – das erste von einem Sakya Thronhalter verfasste – den Beinamen rdo rje shugs ldan mthu rtsal. Und im gleichen Ritual, sowie der Autobiografie seines Sohnes Kunga Lodro, findet sich der Titel rdo rje shugs ldan rtsal, welches der wohl gebräuchlichste Titel ist, selbst im 20. Jahrhundert.

Im Ritual des 5. Dalai Lama wird Dorje Shugden als in der Kleidung eines Mönches und mit einem Lederhut (bse thebs) beschrieben. Ironischerweise findet sich eine der wenigen Beschreibungen eines bse thebs in René de Nebesky-Wojkowitz’ Einführung zu einem ‘Chams yig, verfasst vom 5. Dalai Lama: „Dieser Hut ist ein charakteristisches Merkmal vieler einheimischer tibetischer Gottheiten, die zur Gruppe der Dharmapalas gehören.“27 Natürlich wurden sowohl die Mönchsgewänder als auch der Lederhut Merkmale, anhand derer Shugden immer noch identifiziert wird. Die rechte Hand hält eine Keule (be con) im Gegensatz zum Schwert, das in späteren Ritualen gebräuchlicher ist. Die Keule findet sich auch im rgyal gsol log ‘dren tshar gcod der Sakyas. Die rechte Hand hält ein menschliches Herz, offenkundig ein beständiges Merkmal. Doppeldeutigkeit besteht hinsichtlich des Reittiers. Erwähnt werden verschiedene Reittiere, wie ein Naga oder eine Schlange (lto gro) und ein Garuda (khyung). In dieser Hinsicht hat es nur Ähnlichkeit mit dem nächsten hier beschriebenen Ritual.

Das Drubwang Dre’u Lhas zugeschriebene Ritual enthält ebenfalls solche Doppeldeutigkeit, wobei nur eine zentrale Figur beschrieben wird. Es erwähnt verschiedene Reittiere, wie einen Löwen, Pferd, Elefant, Garuda und Naga (seng’ge rta glang khyung dang lto ‘gro sogs gzhon). Weiterhin ist es das einzige weitere Ritual, das einen Naga erwähnt (lto ‘gro), da ein solcher nicht unter den Reittieren der fünf Formen enthalten ist, wie sie später allgemein bekannt wurden. Aus diesen und anderen genannten Gründen verläuft die hier vorgestellte Entwicklung der Shugden-Rituale vom 5. Dalai Lama über Dre’u Lhas durch eine Reihe von Persönlichkeiten, über die wenig bekannt ist, aber sie alle haben ihre Spuren im Dorje Shugden Geschichtsbuch hinterlassen.

Fußnoten

1 Sangpo, Khetsun. (1973). Biographical Dictionary of Tibet and Tibetan Buddhism. Dharamsala, H. P., Library of Tibetan Works and Archives, S. 316.
2 Dung dkar blo bzang ’phrin las (2002), S. 1820.
3 Mongolian Lama Gurudeva (1973). Collected writings of the 1st Panchen Lama Lozang Chokyi Gyaltsen (1570-1662), Band ca, S. 81-83.
4 Dung dkar blo bzang ’phrin las (2002), S. 1820.
5 Karmay, Samten G. The Great Fifth.
6 Dreyfus (1998), S. 229.
7 Sangpo, Khetsun (1973), S. 316-317.
8 Yamaguchi, Zuiho (1994), S. 12-13.
9 Yamaguchi, Zuiho (1994), S. 15.
10 Yamaguchi, Zuiho (1994), S. 15.
11 Yamaguchi, Zuiho (1994), S. 15-16.
12 Yamaguchi, Zuiho (1994), S. 16.
13 Dreyfus (1998), S. 229.
14 Ngawang Lobsang Gyatso, Blatt 249b2-4.
15 Ngawang Lobsang Gyatso, Blatt 250a5-6.
16 Yamaguchi, Zuiho (1994), S. 17-18.
17 Dreyfus (1998), S. 232.
18 blo bzang ‘phrin las (Jaya Pandita) (1981), Band 4, Blatt 29b, S. 60.
19 Dreyfus (1998), S. 270.
20 Wylie (1962), S. 89.
21 Denma Lobsang Dorje (2001), S. 371-372.
22 Dung dkar blo bzang ‘phrin las (2002), S. 1312.
23 blo bzang ‘phrin las (Jaya Pandita) (1981), Band 3, Blatt 301b, S. 604.
24 Kapstein, Matthew (2000). The Tibetan Assimilation of Buddhism: Conversion, Contestation, and Memory. Oxford University Press US, S. 129.
25 De chen snying po (1972-1974). mdo sngags skor gyi dris lan sna tshogs phyogs gcig tu bsgrigs pa, Band cha, Blatt 95b.
26TBRC Work RID: W14594.
27 Nebesky-Wojkowitz (1976), S. 95.