Rabjampa Ngawang Lobsang
Der große Abt des Klosters Khure Rabjampa Ngawang Lobsang (19. Jahrhundert)
“Ich werde hier den historischen Bericht von Dorje Shugden niederschreiben.”
Rabjampa Ngawang Lobsang,1 der von einer Vision Taras gesegnet wurde,2 wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in der Mongolei geboren. Als er sieben Jahre alt war, nahm er die Genyen-Gelübde und erhielt den Namen Lobsang Thubten. Er trat in das Kloster Khure ein und studierte dort die fünf klassischen Texte. Im Alter von 17 gewährte ihm Ngawang Khedrub die Novizen-Gelübde und gab ihm den Namen Ngawang Thubten.3
Später reiste er nach Zentraltibet, um Sutra und Tantra zu studieren und verließ sich dazu auf den 10. Dalai Lama Tsultrim Gyatso [tshul khrims rgya mtsho] (1816-1837), den vierten Panchen Rinpoche Tenpäi Nyima [bstan pa’i nyi ma] (1782-1853) sowie den ersten Trijang Rinpoche Jangchub Chöpel [byang chub chos ’phel] (1756-1838), der von 1816-1822 Ganden Thronhalter war. Er erhielt den Titel khu re mkhan po no mon han, als er in die Mongolei zurückreiste und der Abt des Klosters Khure wurde.
In Tibetan Histories: A Bibliography of Tibetan-language Historical Works von Dan Martin (S. 147-148) werden Texte von “Rab-’byams-pa Ngag-dbang-blo-bzang (= Ngag-dbang-ye-shes-thub-bstan).”4 aufgelistet. Dort heißt es:
Der Autor war der Abt des großen Klosters Khu-re in Urga [heute Ulan Bator, Mongolei]. Es enthält Werke über den Ursprung des Tara Tantras und eine Historie des „Mani“ Gebetes von Avalokiteshvara in Indien.
Diese befinden sich in der Tat in seinen Gesammelten Werken, welches in der Potala-Ausgabe zwei Bände umfasst, und in der Ulan Bator Ausgabe vier Bände5; Kopien davon sind in der Staatsbücherei von Ulan Bator zu finden. Ein vollständiger Katalog der Ulan Bator Ausgabe ist in MHTL (Band 1, S. 326-333) zu finden. Unter den Hagiografien befindet sich eine Hagiografie von Panchen Sönam Dragpa mit einem sehr einflussreichen Text namens rdo rje shugs ldan rtsal byung tshul mdo tsam brjod pa pad dkar chun po.6
Dies ist auch in Tibetan Histories aufgeführt, in welchem sich eine Bibliografie von historischen, tibetischen Texten nach Jahrhunderten geordnet findet. Unter 1700 sind aufgeführt:
Btsun-pa Ma-ti, Rgyal-’bai Bstan-bsrung Chen-po Rdo-rje-shugs-ldan-rtsal-gyi Byung tshul Mdo tsam Brjod pa Pad-dkar chun-po. Eine Kopie gibt es als Teil eines Holzblock Druckes bestehend aus 27 Blättern im Anhang eines Werkes mit dem Titel: Lha-dbang-rgya-mtsho, Rje-btsun Tham-cad-mkhyen-pa Bka’-drin-can Bsod-nams grags-pa’i Dpal Rnam-dpyod Mchog-gi Sde’i Rnam-par Thar-pa Ngo-mtshar Rmad-du Byung-ba Dad-pa’i Rol Rtsed. Der Text von Btsun-pa Ma-ti ist auf den Blättern 19v bis 27v, und behandelt den Ursprung der Beschützergottheit Rdo-rje-shugs-ldan, mit besonderem Bezug auf die Gzims-khang Gong-ma Inkarnationslinie. Dieser Eintrag wurde von E. Gene Smith bereitgestellt (Brief vom 09. März 1996).
In der Tat ist dieses Werk mit dem Reinkarnationsnamen [sprul ming] btun pa ma ti signiert. Das Kolophon besagt ferner, dass es im Kloster Drepung Loseling geschrieben wurde. In Anbetracht dieser Information können wir annehmen, dass es von einem inkarnierten Lama geschrieben wurde, der im 18. Jahrhundert zu diesem Kloster gehörte.
Rabjampa Ngawang Lobsang ist die gleiche Person wie Ngag-dbang-ye-shes-thub-bstan,7 da seine anderen Werke, die später beschrieben werden mit dem Namen Rabjampa Ngawang Lobsang signiert sind. In Pabongkha Rinpoches längerem Zitat dieses Textes schreibt er dieses Werk den Gesammelten Werken von Rabjampa Ngawang Lobsang zu. Somit kann dieses Werk zumindest bis zu Rabjampa Ngawang Lobsang zurückverfolgt werden. Bis bewiesen werden kann, dass es von jemand anderem geschrieben wurde, muss Rabjampa Ngawang Lobsang als frühester Autor angenommen werden.
Das meiste Material in diesem Holzblock Druck besteht aus Panchen Sönam Dragpas (1478-1554) Biografie. Panchen Sönam Dragpa war der erste in der Shim khang gong ma [gzims khang gong ma] Reinkarnationslinie, die mit Tulku Dragpa Gyaltsen endete, der nachfolgend Dorje Shugden wurde. Es ist die Erklärung dieses spezifischen Punktes, die vom oben genannten Text (Rgyal-’bai Bstan-bsrung Chen-po Rdo-rje-shugs-ldan-rtsal-gyi Byung tshul Mdo tsam Brjod pa Pad-dkar chun-po, kurz als Rosenkranz der Weißen Lotosblumen übersetzt) hauptsächlich behandelt wird.
Er beginnt damit, das Werk vorzustellen, als eine kurze Darlegung [byung tshul mdo tsam] des Dharmabeschützers des Eroberers Dorje Shugden Tsel [rgyal ba’i bstan srung chen po rdo rje shugs ldan rtsal]. Bereits diese erste Zeile enthält den Namen Dorje Shugden Tsel [rdo rje shugs ldan rtsal], ein nahezu übereinstimmend von früheren und späteren Anhängern dieser Gottheit verwendeter Übername. Dann folgt eine Einführung hingebungsvoller Poesie, welche die Größe der Inkarnationslinie von Panchen Sönam Dragpa beschreibt und mit den Zeilen schließt:
Für das Wohl, die Lehre Jamgon Lamas und die Halter dieser Lehre zu beschützen, zeigt [Dorje Shugden] hundertfältige zornvolle Ausdrücke; Ich werde hier den historischen Bericht von Dorje Shugden niederschreiben.
Dann beginnt der Bericht:
Bezüglich dieses Beschützers – er enthüllte absichtlich eine zornvolle Form für das Wohl der vollständigen Unterwerfung (tshar gcad) derjenigen, die aus Verachtung der Lehre und den Haltern der Lehre (bstan ‘dzin) des zweiten Eroberers Jamgon (’jam mgon rgyal ba gnyis pa) schaden. Deshalb wurde von der Reinkarnation von Yönten Gyatso [Vierter Dalai Lama] und denjenigen, die Fehler gemacht haben, behauptet, dass die spätere Inkarnation des berühmten Panchen Sönam Dragpa namens Tulku Dragpa Gyaltsen die Form eines dregs [weltlichen Geistes] angenommen habe.
Der Autor fährt dann mit der folgenden Geschichte fort, die er direkt von einigen bedeutenden Lamas gehört hatte:
Zur Zeit Panchen Sönam Dragpas überlegte das Oberhaupt der Dreg, Pehar, welche Arten an makellosem Buddhadharma es in der Welt gäbe, und auch, welche Arten erhabener Realisationen und Qualitäten seine Anhänger hatten. Er durchreiste die ganze Welt auf seiner Suche und fand Je Lamas Dharma und sein Oberhaupt, den allwissenden Pandit Sönam Dragpa, überragend in seinen Überlieferungen, Realisationen und Qualitäten. Wissend, dass Panchen Sönam Dragpa ein großes Wesen aus einem reinen Land war, trat er vor ihn und trug eine Bitte vor.
Der Autor zitiert dann Pehars Bitte:
„Um Je Lamas Dharma und seine Träger zu bewahren, rein zu halten, zu vermehren und jeglichen Schaden dafür zu beseitigen, bitte vollende befriedende, vermehrende, ermächtigende und zornvolle Handlungen. Ich werde auch versuchen, Dir so viel wie ich kann zu helfen. Für mich gilt, dass mir in der Gegenwart Padmasambhavas befohlen wurde, den Buddhadharma im allgemeinen zu beschützen und mir wurde diese Verantwortung anvertraut. Durch die Kraft dieses Schwurs habe ich keine Fähigkeit, Je Lamas Lehre im besonderen zu schützen. Bitte erwäge dies.”
Der Autor bezieht sich darauf, wie die spätere Inkarnation von Panchen Sönam Dragpa, Tulku Dragpa Gyaltsen, diese Bitte erfüllte:
Aufgrund dieser Bitte, erschien er mit der Absicht Je Lamas Dharma und seine Anhänger zu beschützen, und führte äußerst zornvolle und schnelle Handlungen aus, mit dem Zweck, unangemessenen Schaden kraftvoll und vollständig zu zerstören, er zermahlte Feinde des Dharmas augenblicklich zu Staub und besiegte Legionen von Dämonen mit dem unermesslichen, kraftvollen Vajra. Er manifestierte die Form von Gyalchen Dorje Shugden Tsel. Dies hat die Linie der vergangenen Lamas durch mündliche Unterweisungen überliefert, und bis jetzt wurde er als der Beschützer von Je Lama Tsongkhapas Dharma gepriesen.
Der Autor fährt dann damit fort, zu erklären, dass Panchen Sönam Dragpa als die Reinkarnation von Butön Rinchen Drub berühmt wurde, und dass Butön Rinchen Drup als die Reinkarnation von Shakya Shri berühmt wurde. Anders gesagt, sie stehen alle in der gleichen Inkarnationslinie. Dann zitiert er eine Geschichte über Shakya Shri aus Yongdsin Panditas Ursprung der Vinaya:
Als Shakya Shri in Magadha weilte [die alte buddhistische Stadt in Indien] machte der König von Magadha fortlaufend Darbringungen an einen Arhat, oder Feindzerstörer, der in Singhala [Sri Lanka] lebte. Zu jener Zeit sagte der Feindzerstörer dem Boten des Königs: „Du bringst Gaben von weit her, aber in Eurem eigenen Königreich weilt der siebte Buddha, Tathagatha Reines Licht, der Mahasattva namens Shakya Shri. Wenn ihr an ihn Gaben darbringt, wird dies weitaus größere Verdienste erschaffen.“
Panchen Shakya Shris jüngerer Bruder ging dann nach Singhala um den Feindzerstörer zu treffen und er sagte ihm das gleiche, was er bereits dem Boten des Königs gesagt hatte, und Panchen Sakya Shri wurde dann als der Siebte Tathagatha dieses glücklichen Äons berühmt. Trophu Lotsawa schrieb ebenfalls [in seiner in Lobpreisungsversen verfassten Biografie von Shakya Shri] „wie es vom Feindzerstörer aus Sri Lanka, dem Rishi vom Jakangberg [in Yunnan, China], dem Orgyan-Beschützer erklärt wurde – vor dem Siebten Buddha dieses Äons, der Erleuchtung erlangte und in das Reine Land Ganden zurückkehrte, verbeuge ich mich.“
Dieser Punkt kann auch in Butön Rinchen Drubs Biografie, die von seinem Schüler Dratshadpa Rinchen Namgyal verfasst wurde, gefunden werden, der auch Butöns Linien an Je Tsongkhapa übermittelte. In der Einführung zu seiner Biografie wird eindeutig festgestellt, dass Butön die Reinkarnation von Shakya Shri ist:8
Es wurde prophezeit, dass er unter den 1000 Buddhas dieses Äons als der Siebte Buddha erscheinen wird, um den Dharma zu lehren. Dies wurde vom Siddha und Rishi vom Ribo Jakang (China), dem Siddha aus Ugyan (Swat) und dem Arhat aus Sri Lanka einstimmig prophezeit.
Auch in der Einführung zu Butön Rinchen Drubs Biografie heißt es:
Vor langer Zeit war dieses große Wesen ein mächtiger Herr der zwölf Stufen und erlangte Buddhaschaft mit einem Freudenkörper (Sambhogakaya), wonach er eine Vielzahl von Ausstrahlungskörpern (Nirmanakaya) manifestierte. Somit verweilte er gleichzeitig im Reinen Land Tushita und nahm Wiedergeburt und spielte als Kind.
Der Autor von Rosenkranz der weißen Lotosblumen stellt fest, dass die Einzelheiten über den Siebten Buddha im Bhadrakalpika Sutra (mdo sde bskal pa bzang po) gefunden werden können. In diesem Sutra heißt es bezüglich des Siebten Buddhas dieses Äons:9
Der Tathagatha Pradyota wird im Land namens Konstellation geboren werden. Er wird von königlicher Abstammung sein und sein Licht wird für fünf Yojanas scheinen… In seiner ersten Versammlung werden einhunderttausend mal zehn Millionen Schüler sein; in seiner Zweiten werden es 990 Millionen sein und in seiner Dritten werden es 980 Millionen sein. Seine Lebensspanne wird neunzig Millionen Jahre sein und der heilige Dharma wird für weitere 85.000 Jahre verbleiben. Er wird eine Vielzahl an Reliquien hinterlassen.
Der Zweck, die Linie mittels Zitaten aus diesen Schriften bis zu Shakya Shri zurückzuführen ist Teil der These, die der Autors entwickelt, um die Legitimität von Dorje Shugden aufgrund der folgenden Punkte zu belegen:
- Die Linie der früheren Inkarnationen von Panchen Sönam Dragpa beinhaltet die Inkarnationen von Butön und Shakya Shri, die mit Sicherheit erhabene Wesen sind.
- Die Reinkarnationslinie, die auf Panchen Sönam Dragpa folgt (die gzims khang gong ma Linie) beinhaltet u.a. Tulku Dragpa Gyaltsen.
- Die Reinkarnation nach Tulku Dragpa Gyaltsen wurde mit Sicherheit Dorje Shugden.
- Deshalb ist Dorje Shugden eine Ausstrahlung und keine gewöhnliche Wiedergeburt als Folge von werfendem Karma.
Der Autor hat die ersten beiden Punkte durch ausführliche Zitate oben bereits belegt. Jetzt werden Punkt 3. und 4. vom Autor diskutiert, um seine Argumentation zu untermauern. Interessanterweise zitiert der Autor eine Quelle, die von Verleumdern der Dorje Shugden Praxis verwendet wurde, um ihn als gewöhnlichen Geist zu diskreditieren. Desi Sangye Gyatsos Geschichte der Gelug (Vaidurya Serpo) Tradition wird zitiert:
Panchen Sönam Dragpas Reinkarnation war Sönam Yeshe Wangpo, seine Reinkarnation Ngawang Sönam Geleg, und für seine Reinkarnation [die Tulku Dragpa Gyaltsen war] bestand die Hoffnung, dass er die Reinkarnation des Allwissenden Yönten Gyatso [Vierter Dalai Lama] war; aber am Ende seines Lebens resultierte es in einer unglücklichen Wiedergeburt.
Dieser Punkt ist wichtig, denn er zeigt, dass es in der Tat die gleiche Inkarnationslinie war, die in dieser angeblich unglücklichen Wiedergeburt endete, womit zum nächsten Punkt übergeleitet wird. Der Autor stellt als nächstes die hypothetische Frage, wie es geschehen sein könnte, dass er in einer unglücklichen Wiedergeburt (skye gnas mi bzang) endete? Die Antwort auf diese Frage gibt der Autor mit dem Abschluss seiner These, in den hier zusammengefassten Argumenten.
Für einen Bodhisattva, der auf den Bhumis (den Bodhisattva-Ebenen) verweilt, ist das Tor zu unglücklichen Wiedergeburten geschlossen, und somit ist es unangemessenen zu sagen, dass sie in unglückliche Wiedergeburten geworfen werden. Im allgemeinen, wenn jemand die erste Bhumi erlangt, kann er, oder sie, einhundert Ausstrahlungskörper gleichzeitig für das Wohl der Wesen manifestierten. Diese Ausstrahlungen können sich als Indra, Brahma oder Dämon verkleiden, um Lebewesen zu helfen. Um den Dharma zu beschützen, kommen diese großen Wesen deshalb als dregs (Geister) verkleidet, um den Wesen zu helfen. Wo besteht hier ein Widerspruch? Dies beschließt die erste Darlegung des Autors.
Das Werk fährt viele Seiten lang fort, mit einer Zusammenfassung von Panchen Sönam Dragpas Leben und wie er die allgemeinen und außergewöhnlichen Ziele erlangt hat. Es schließt mit Ereignissen aus der Zeit des Fünften Dalai Lama, nämlich wie er sich anfänglich vor Dorje Shugden gefürchtet hat. Dreyfus schreibt dieses Zitat Pabongkha Rinpoche zu, aber das ursprüngliche tibetische Zitat, welches von Pabongkha gegeben wird, ist direkt diesem Werk entnommen.
„Da der allwissende Große Fünfte alle Lehrsätze der alten und neuen Schulen praktizierte und entwickelte, erzeugte dieser Beschützer durch die Kraft früherer Gebete eine Vielzahl an äußerst furchterregenden Erscheinungen vor dem erhabenen machtvollen König (dem Fünften Dalai Lama), um die makellose große Tradition Tsongkhapas zu beschützen und zu verteidigen.“10
Somit war es nicht Pabongkha, der die Idee entwickelte, dass sich Shugdens Zorn gegen das Vermischen von Gelug mit Nyingma richtete.11 Als nächstes heißt es, dass der Fünfte Dalai Lama zuerst versuchte ihn zu zerstören, indem er Sakya Rinpoche bat, Rituale auszuführen (gtor rgyag), aber als Resultat erschien mehr Schaden. Aufgrund dieser Erfahrung verfasste er ein Ritual der Torma-Darbringung an Dorje Shugden. Im Anschluss daran folgt die Geschichte, dass der Fünfte Dalai Lama den Boten nach Döl sandte:
Im der Gegend von Döl gibt es eine Festung (pho brang), die vom Fünften Dalai Lama als Aufenthaltsort dargebracht wurde. Zu jener Zeit gab der Große Fünfte einen Regierungsbeamten eine besondere Augenlotion und einen magischen Hut (sgrib zhya) und sandte ihn mit einem Brief, um ihn an Dholgyal zu übergeben. Als der Bote an diesen Ort kam, sah er Dholgyal Palast, der wie der Palast eines Gottes aussah. Die rechten und linken Tore wurden von zwei furchterregenden Acharyas versperrt. Indem er seinen magischen Hut aufsetzte, war der Bote imstande einzutreten. In der Mitte des wunderschönen Palastes stand ein hoher Thron. Darauf war ein Mönch, der die drei Roben eines Ordinierten trug. Vor ihm stand ein aus Licht geschaffenes Mandala. Der Geruch von feinen Düften durchdrang die Luft.
Von außerhalb erschienen viele furchterregende Nichtmenschen (mi ma yin). Sie baten viele Male: „In diesem Land erhalten wir viel Schaden durch Pfeile. Wir benötigen eine Methode, um ihnen zu schaden“. Obwohl sie darauf bestanden, dass Mitgefühl unangebracht war, wurden sie gestoppt. Als sie schließlich ein weiteres Mal zurückkehrten und weiter drängten, gab er ihnen eine Handvoll gelbe Senfsamen und sagte ihnen, sie sollten sie in die Richtung der Region von ‘On werfen. Als die Nichtmenschen sie warfen, war die Ernte des Landes von jenem Jahr vollkommen zerstört. Dann sagte der Regierungsbeamte: „Dieser Brief wurde vom Fünften Dalai Lama gesandt, und ich soll ihn überbringen.“ Er gab ihn an Dorje Shugden und dieser nahm ihn, und berührte damit seine Stirn. Als er somit die Situation verstand, kehrte der Bote zum Fünften Dalai Lama zurück und berichtete ihm alles was geschehen war. Ich habe dies von meinem heiligen Lehrer gehört.
Dies illustriert die Sichtweisen bezüglich der Beziehung zwischen Dolgyal und dem Fünften Dalai Lama, die hohe Meister bereits Generationen vor Pabongkha Rinpoche hatten. Im Kolophon heißt es, dass dies mit großer Hingabe an Panchen Sönam Dragpa verfasst wurde, von einem Autor mit dem Reinkarnationsnamen (sprul ming) btsun pa ma ti, im Kloster Drepung. Auch dies stellt die Behauptung von Dreyfus in Frage, dass die frühe Entwicklung der Shugden-Praxis nicht mit Panchen Sönam Dragpa in Verbindung gebracht wurde.12
Der Autor hat, nach seiner eigenen Aussage lediglich mündliche Berichte niedergeschrieben, die in der Hierarchie der Lamas zu jener Zeit existierten. Gibt es einen Grund für die Vermutung, dass der Autor all dies selbst erfunden hat? Dies ist der älteste bekannte Bericht der folgenden Punkte:
- Pehar bittet Panchen Sönam Dragpa Dorje Shugden zu werden.
- Die Reinkarnationslinie von Dorje Shugden, von Shakya Shri in ihren frühesten Anfängen, bis zu Tulku Dragpa Gyaltsen als letzter menschlicher Inkarnation.
- Logische Beweise, die verteidigen, dass Dorje Shugden nicht etwa eine gewöhnliche weltliche Gottheit sondern eine Ausstrahlung ist.
- Dorje Shugden wird der spezifische Schutz der Gelug-Tradition anvertraut.
Auch die mündliche Tradition, die in diesem Werk niedergeschrieben wurde, setzte sich in das 20. Jahrhundert zu Pabongkha Rinpoche und Trijang Rinpoche fort. Einige Gelehrte haben die zuvor genannten Autoren beschuldigt, diese Ideen erfunden zu haben, während sie in eklatanter Weise die Beweisstücke in diesem Werk übersehen. Das ist umso unverantwortlicher, wenn man bedenkt, das Pabongkha Rinpoche in seinem Werk über den Ursprung von Dorje Shugden, namens shugs ldan srog gtad kyi sngon ’gro’i mtshams sbyor kha skong, in welchem eine Einführung in die Geschichte von Dorje Shugden enthalten ist, ausdrücklich Rosenkranz der Weißen Lotosblumen zitiert.
Dieser Text findet sich in Band 7 („dscha“) von Pabongkha Rinpoches Gesammelten Werken (S. 525-540). Auf Seite 526 zitiert er im einleitenden Satz: „So, wie es in verschiedenen Quellen niedergeschrieben ist, einschließlich rab ‘byams ngag gi dbang po’s Rosenkranz der Weißen Lotosblumen.“13 Auf Seite 527 zitiert er wörtlich aus diesem Text, beginnend mit der Geschichte, wie Pehar Panchen Sönam Dragpa erschien. Georges Dreyfus zitiert sogar diesen Text von Pabongkha Rinpoche als eine Quelle seines Essays The Shuk-den Affair,14 während er dennoch behauptet, dass Pabongkha den „Shugden-Mythos“ erfunden habe, wie z.B. die Beziehung zwischen Dorje Shugden und Panchen Sönam Dragpa!
Weiterhin gibt es Rituale an Dorje Shugden, die mit Sicherheit von diesem Autor verfasst worden sind. Es gibt zwei Rituale15, von denen es heißt, dass sie zu seinen Gesammelten Werken gehören, welche ebenfalls im Dorje Shugden be bum enthalten sind. Das erste Ritual16 heißt mchod gtor ‘bul tshul dam can dgyes pa’i mchod sprin las bzhi lhun grub. Der Hauptteil dieses Textes ist die Torma-Darbringung, die von On Gyalse Rinpoche verfasst wurde, wie zuvor beschrieben. Im Kolophon beschreibt der Autor, wie das Ritual unter Verwendung von On Gyalse Dorjechangs Werk als gültiger schriftlicher Autorität verfasst wurde, während geringfügige Anpassungen vorgenommen worden sind.
Im Anschluss an dieses längere Werk findet sich in Guru Devas Sammlung ein Reichtum an Ritualen an Dorje Shugden:
- Zuerst, auf S. 311-314, gibt es eine Torma-Dankesdarbringung namens bstan bsrung rdo rje shugs ldan rtsal la gtang rag ‘bul tshul bzhugs so.
- Zweitens, S. 313-315 beinhalten eine Tsog-Darbringung namens chos skyong rdo rje shugs ldan rtsal la tshogs mchod ‘bul tshul, rgyal chen dgyes pa’i ‘dzum zhal zhes bya ba bzhugs so. Im Kolophon dieses Tsog heißt es, dass es unter Verwendung von Gungtang Rinpoches Darbringung an sku lnga (Pehar) als Grundlage verfasst wurde, so wie es vom Obermönch blo bzang tshe ring erbeten wurde.
- Drittens, S. 315-316 enthalten eine Serkyem Darbringung, welche gemäß dem Kolophon von diesem Autor zusammengestellt und nicht verfasst wurde. Diese Verse bestehen wörtlich aus Morchen Dorjechangs Serkyem, mit wenigen angefügten Versen am Ende.
Schließlich ist auf S. 317-318 ein Ritual namens bstan bsrung rdo rje shugs ldan rtsal la gtor ma ‘bul pi dza ha ra ti sma. Dieses besteht aus einer Vielzahl an Darbringungen, wie verschiedenen Tieren als Spektakel der vierfachen Welt etc. Diese Verse sind denen von Trehor Khangsar Rinpoches Werk sehr ähnlich, der viele der Elemente aus diesem Ritual entlehnt haben mag.
Fußnoten
1TBRC Person RID: P259, Don rdor and bsTan ’dzin chos grags (1993), S. 916-917.
2 MHTL, Band 2, S. 18.
3 Da Ngag dbang mkhas grub 1838 starb (TBRC Person RID: P4699), kann Rabjampa Ngawang Lobsang nicht später als 1921 geboren worden sein, da er im Alter von 17 Jahren Gelübde von ihm empfing. Deshalb lebte er höchstwahrscheinlich vom zweiten bis zum letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts.
4 Dieser Text listet 1779-1838 auf, welches die unkorrekten Jahre sind; dies sind die Jahre für Ngag dbang mkhas grub, der sein Lehrer war und ebenfalls Abt des Klosters Khure.
5 TBRC Work RID: W5328.
6 MHTL, S. 326.
7 Die Biografie von Panchen Sönam Dragpa sowie Rosenkranz der weißen Lotosblumen sind in der Tat in rab ‘byams ngag gi dbang po’s Gesammelten Werken enthalten. Durch Untersuchung kann festgestellt werden, dass sein Name Ngag dbang ye shes thub bstan (TBRC Person RID: P259) ist. Dieses Werk wird im TBRC zweimal aufgeführt; als mkhas grub chen po paN chen bsod nams grags pa’i sde’i rnam par thar pa ngo mtshar rmad du byung ba dad pa’i rol rtsed dang rgyal ba’i bstan bsrung chen po rdo rje shugs ldan rtsal byung tshul mdo tsam brjod pa pad dkar chun po. Die erste Referenz bezieht sich auf Ngag dbang ye shes thub bstan (TBRC Person RID: W5327): „S. 38 ff. in v. ka des 4. Bandes, Großdruck, gsung ’bum.” Die zweite bezieht sich auf lha dbang rgya mtsho (TBRC Person RID: P4949) als TBRC Work RID: W17594. Dies sind die Quellen, während sie einige Male getrennt veröffentlicht wurden, wie es in den Einträgen des TBRC beschrieben ist.
8 Einführender Abschnitt in A Handful of Flowers (1996), eine kurze Biografie von Butön Rinchen Drub, übersetzt von Hans van den Bogaert, veröffentlicht von Library of Tibetan Works and Archives.
9 The Fortunate Aeon: How the Thousand Buddhas Become Enlightened (c1986). In das Englische übersetzt von Dharma Publishing staff; unter der Schirmherrschaft des Yeshe De Project. Berkeley, Calif. : Dharma Pub., S. 523-525.
10 Dreyfus (1999), S. 250-251.
11 Es sollte angemerkt werden, dass sich Dreyfus leicht darin widerspricht, ob Pabongkha persönlich die Dorje Shugden Praxis entwickelte. Auf S. 228 schreibt er “[Pa-bong-ka] entwickelte diese Praxis als Reaktion auf zeitgenössische Ereignisse.“ Diese Behauptung ist eines der Hauptobjekte der Widerlegung dieses Essays. Dennoch finden wir auf S. 246: “Wir müssen jedoch über die Natur von Pabongkhas Erfindungen im Klaren sein. Er hat diese Praktiken nicht selbst eingeführt, da er sie von Lehrern wie Ta-bu Pe-ma Baz-ra und Dak-po Kel-zang Kay-drub (dwag po bskal bzang mkhas grub) empfing. Pa-bong-ka war in der Hinsicht innovativ, dass er bislang sekundäre Unterweisungen weit verbreitete und in den Mittelpunkt der Gelug-Tradition stellte und behauptete, dass sie die Essenz von Tsongkhapas Lehre repräsentieren würden.” Diese letztere Aussage kann durch viele Punkte in diesem Text in Frage gestellt werden, da dieser Text ganz klar die Verbindung aufzeigt, wie Dorje Shugden der Beschützer ist, der spezifisch für das Wohl des Schutzes der Gelug-Tradition entstand, insbesondere vor der Verwässerung seiner traditionellen Lehre, und hier insbesondere Je Tsongkhapas Präsentation von Leerheit.
12 Wie viel historische Wahrheit in diesen beiden Punkte liegt ist schwierig festzulegen. Dennoch belegt dies, dass diese Sichtweisen und Ideen im 19. Jahrhundert existierten und akzeptiert waren.
13 Es ist sicher, dass Ngag dbang ye shes thub bstan synonym mit rab ‘byams ngag gi dbang po ist, da er seine anderen Werke mit diesem Namen signiert hat, einschließlich der nachstehenden.
14 Dreyfus (1999), S. 250-251.
15TBRC Work RID: W5325 und TBRC Work RID: W5326.
16 Guru Deva Rinpoche (1984), S. 299-311.
