Sera Je Dragri Gyatso Thaye

Sera Je Dragri Gyatso Thaye (18. Jahrhundert)

Dharmabeschützer, welcher der Herr aller Kraft und Fähigkeiten ist…“

Dragri Gyatso Thaye [brag ri rgya mtsho mtha’ yas]1 ist der erste in einer Reihe von anerkannten Inkarnationen von Dragri Dorjechang. Die Definition der Dragri Einsiedelei im Lexikon Weiße Muschel lautet:2

Die Einsiedelei Dragri, die nicht weit vom Kloster Sera entfernt ist, wurde im 18. Jahrhundert vom Abt des Klosters Pabongkha gegründet, Gyatso Thaye (der ersten Dragri Reinkarnation) und die Einsiedelei wurde von einer Reihe von Dragri Inkarnationen erhalten.

Dies könnte sich auf die Gründung der modernen Institution dieser Einsiedelei beziehen, da Chöpels Leitfaden für Pilger eine sehr viel längere Geschichte der Einsiedelei beschreibt, bis zurück in das 7. Jahrhundert, als der Buddhismus in Tibet eingeführt wurde. Der buddhistische Dharmaraja Songtsen Gampo, Trisong Detsen und der indische Meister Phadampa Sangye hielten sich an diesem Ort auf. Der Name der Einsiedelei ist älter als der Inkarnationstitel „Dragri“, der auf dem Fakt beruht, dass die verschiedenen Inkarnationen in der Dragri Einsiedelei lebten und sie unterhielten.3 Die Dragri Einsiedelei, das Kloster Pabongkha und die Chusang Einsiedelei, die nachstehend beschrieben wird, befinden sich alle im Nyang bran Tal, nordöstlich von Lhasa, in der Nähe des Klosters Sera.

Pabongkha ist ein anderes historisches Kloster, in welchem Gyatso Thaye als Abt diente. Er und andere Lamas erhielten den Titel von Pabongkha von ihrer Verbindung mit diesem Kloster, somit ist er auch als Pabongkha Gyatso Thaye bekannt. Das Kloster Pabongkha steht auf einem mächtigen Felsen und seine Geschichte reicht ebenfalls bis in die Zeit des ersten buddhistischen tibetischen Königs, Songtsen Gampo, zurück. Er verbrachte hier ein Retreat, als es Hindernisse gab, den Haupttempel in Lhasa, den Tsuklhakhang, zu errichten. Zu jener Zeit hatte er eine Vision von Avalokiteshvara, der ihm Rat gab, wie er die legendäre, auf dem Rücken liegende Dämonin zähmen könne, indem er Tempel und Grenztempel in ganz Tibet errichtet. Songtsen Gampo errichtete dann später das Gebäude, welches das Kloster für seinen Minister Thonmi Sambhota wurde, der hier die tibetische Schrift entwickelte. Später lebte hier der Kadampa Geshe Potowa für längere Zeit und auch Je Tsongkhapa selbst. Später wurde es ein Gelug-Kloster.4

Hinsichtlich der Dragri Inkarnationslinie, wurde diese (mit Verehrungen) von Trijang Rinpoche in zhabs brtan gsol ’debs dang myur byon smon tshig gi skor, Band cha, aufgelistet, bestehend aus Gebeten für langes Leben und schnelle Rückkehr an die verschiedenen Inkarnationslinien. Trijang Rinpoche listet die Reihe der Inkarnationen [’khrungs rabs] von Dragri Dorjechang in Versen auf, die bis zu den frühen tibetischen und indischen Meistern zurückreichen, einschließlich dem direkten Schüler Buddhas, dem Arhat Kanakavatsa, dem König Chandrabhadra – dem ersten Empfänger der Kalachakra-Unterweisungen, Dombhipa, Pamting Ngawang Chugje, mgon po bsod nams mchog ldan und viele andere. Die offiziellen Reinkarnationen sind am Ende aufgelistet:

  1. Gyatso Thaye – (mdo rgyud mdzod ‘dzin rgya mtsho mtha’ yas, geboren im 18. Jahrhundert)5
  2. Lobsang Chojor – (‘dren chog blo bzang chos ‘byor rgya mtsho, geboren im 19. Jahrhundert)6
  3. Lobsang Thubten Namgyal (khas grub blo bzang thub bstan rnam rgyal, geboren im 19. Jahrhundert)7
  4. Lobsang Nyengyu Lungrig Gyatso – (blo bzang snyan brgyud lung rigs rgya mtsho, 20. Jahrhundert)

Mit „offizieller Inkarnation“ ist gemeint, dass sie innerhalb des tibetischen Systems anerkannt waren, welches in den vergangenen 500 Jahren in weitem Umfang etabliert wurde. In Indien gab es kein System der offiziellen Anerkennung von Inkarnationen und es war im frühen Tibet weniger weit verbreitet. Das bedeutet aber nicht, das das grundlegende Prinzip der Inkarnation von erleuchteten Wesen [skye ba sprul sku] nicht existierte. Viele von Tibets „offiziellen Inkarnationslinien“ haben längere Linien ['khrungs rabs], die weiter zurückreichen, und sind als solche von verschiedenen Meistern in ihren Gesammelten Werken niedergeschrieben worden. Ob diese Behauptungen wahr sind oder nicht, verfehlt den Punkt. Es geht darum, dass die Praxis, Inkarnationen in frühere Zeiten zurück zu verfolgen – selbst bis zur Zeit Buddha Shakyamunis – weit verbreitet und eher die Norm als die Ausnahme war. Selbst die Inkarnationslinie des Dalai Lama wird auf der Basis früherer Inkarnationen von Avalokiteshvara gerechtfertigt.8

Bezüglich der offiziellen Inkarnationslinie von Dragri Dorjechang: Lobsang Chöjor war ein Halter der Gelug-Linie des alleinigen Helden Yamantaka9, wie im Gebet der Linienhalter zu ersehen ist. Er empfing diese Linie offenkundig von Jangchub Chöpel (1756 – 1838), welches die Zeit von Lobsang Chöjors Geburt um die Wende des 19. Jahrhunderts vermuten lässt. Die folgende Inkarnation, Lobsang Thubten Namgyal, war ein Lehrer von Pabongkha Dechen Nyingpo.

Insbesondere die erste offizielle Dragri Inkarnation, Gyatso Thaye, ist hier von großem Interesse. Er muss in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geboren worden sein. Dies kann bestätigt werden, da das TBRC ihn als Studenten von Lobsang Namgyal (blo bzang rnam rgyal, 1670-1741) bestätigt, der als wichtiger Lehrer von Khachen Yeshe Gyaltsen Berühmtheit erlangt hat. Andererseits ist er auch als Student von ‘On Gyalse Rinpoche (1743-1811) genannt, wie zuvor erwähnt, der mit Sicherheit jünger gewesen sein muss als Gyatso Thaye. In jedem Fall wurde er von den Nonnen des Garu Nonnenklosters 1792 gebeten, die Verantwortung für ihr Kloster zu übernehmen, welches er für mehrere Lebenszeiten tat.10

Gyatso Thaye ist, wie die oben genannten Einsiedeleien, hauptsächlich mit dem Kloster Sera verbunden, wo er studierte. Ähnlich gehörten die meisten von Gyatso Thayes Studenten zu Sera, die Longdol Lama (1719-1794), Lcang lung Pandita (1770-1845) und Retreng Tritrul Tenpa Rabgye (1759-1815) beinhalten. Eine der Ausnahmen ist Jangchub Chöpel (1756-1838), die erste offizielle Inkarnation von Trijang Rinpoche, der zu Ganden Shartse gehörte.

Retreng Tritrul Tenpa Rabgye war die Reinkarnation des ersten Retreng Rinpoche, einen Ganden Thronhalter und wichtigen Lehrer des Siebten Dalai Lama Kelsang Gyatso. Ähnlich war Tenpa Rabgye selbst einer der wichtigsten Meister dieser Zeit. Gemäß dem Kolophon von Dragri Gyatso Thayes Ritual an Dorje Shugden namens Schatzkammer der vier Handlungen: Vollständig mit Darbringungen, Lobpreisungen, Erfüllung und Bitten an den Dharmapala Dorje Shugden Tsel, wurde Dragri Gyatso Thaye von Retreng Tritrul Tenpa Rabgye selbst gebeten, dieses ausführliche Ritual zu verfassen, obwohl er anmerkt, dass es bereits perfekte Rituale gab, die von Morchen Kunga Lhundrub und den Sakya Thronhaltern geschrieben worden waren.

Dies, sowie der Inhalt des Rituals selbst, weisen darauf hin, dass es höchstwahrscheinlich das erste offizielle ausführliche Kangso, oder Erfüllungsritual, von Dorje Shugden in der Gelug-Sekte ist, da es Verse beinhaltet, die Dorje Shugden spezifisch anrufen, um die Gelug-Lehre zu beschützen. Zuvor haben Gelug-Praktizierende augenscheinlich die Werke von Morchen, Dre’u Lhas und den Sakya Thronhaltern verwendet. Das Kolophon besagt ferner, dass es im Kloster Ganden Yiga Chödsin geschrieben wurde, welches sich wohl auf Chusang bezieht, die Einsiedelei, die im gleichen Tal liegt, wie die Dragri Einsiedelei.

Unglücklicherweise sind die Gesammelten Werke von Gyatso Thaye nicht zugänglich gemacht worden. Allerdings ist Schatzkammer der vier Handlungen im Dorje Shugden be bum veröffentlicht.11 Die Schatzkammer der vier Handlungen ist, verglichen mit anderen Shugden-Ritualen jener Zeit, mit 18 Blättern recht lang. Es beinhaltet viele der Elemente anderer Werke, wie die Lobpreisungen an die fünf Formen von Dorje Shugden. Zu beginn wird Dorje Shugden „Dharmabeschützer, welcher der Herr aller Kraft und Fähigkeiten ist“ genannt.12 Dies ist eine Ehrung, ähnlich der von Vajrapani. Ein einzigartiger Abschnitt ist ein Bekenntnis in sieben Versen in der Gegenwart von Dorje Shugden.

Dies ist das Bekenntnis aus Dragri Gyatso Thayes längerem Werk Schatzkammer der vier Handlungen: Vollständig mit Darbringungen, Lobpreisungen, Erfüllung und Bitten an den Dharmapala Dorje Shugden Tsel:

Hum

Lobsang Dragpa, Essenz des Ozeans von Mandalas,
Mandala-Begleiter der drei kostbaren Yidams,
Insbesondere das Oberhaupt der machtvollen Dregs,
Dorje Shugden und Gefolge, bitte höre mich an.

Rücksichtslos unter dem Einfluss der drei Gifte,
Habe ich natürliche Vergehen und Übertretungen angesammelt,
Gegen die fehlerlosen Regeln und Gebote,
Mit einem kranken und reuigen Geist bekenne ich dies.

Durchdringender Guru, der in den zehn Richtungen anwesend ist,
Friedvolle und zornvolle Yidams, die von den Eroberern ausgestrahlt wurden,
Schwur gebundene Beschützer des geheimen Fahrzeuges,
Aus tiefem Herzen offenbare ich vor Euch alle Samaya-Übertretungen.

Missfallen, Respektlosigkeit, Vorwürfe und falsche Sichtweisen
Gegenüber dem glorreichen Guru Vajradhara -
In der Gegenwart der Yidams und Beschützer, welche das Auge der Weisheit besitzen
Bekenne ich jeden Mangel an Vertrauen.

Insbesondere bekenne ich vor dem Lebensherrscher der Dregs,
Vergessene, gebrochene und minderwertige Torma-Darbringungen,
An die Beschützer, welche die vier Handlungen ausführen,
Und alle gebrochenen Dankes-Darbringungen.

Unbesonnen hinsichtlich dessen, was akzeptiert und verworfen werden sollte:
Die Wurzel- und Nebengelübde von Körper, Rede und Geist;
Vor den Beschützern und ihrem Gefolge, die mich anhören,
Bekenne ich mit einem reuigen Geist alle diese Fehler.

Ursprünglicher, natürlich reiner Dharmakaya,
Frei von allen begrifflichen Ausschmückungen -
Mögen alle Fehler, die mit dem Geist der Begrifflichkeit geschaffen wurden
In der Sphäre der Leerheit gereinigt werden.

Fußnoten

1TBRC RID 1723.
2 Dung dkar blo bzang ’phrin las. (2002). Dung dkar tshig mdzod chen mo. Beijing: Krung go’i bod kyi shes rig dpe skrun khang, S. 1501.
3 Chos ‘phel. (2002). Gangs can ljongs kyi gnas bshad lam yig gsar ma (New Guide to Holy Places in Tibet). Beijing: Mi rigs dpe skrun khang, S. 58-59.
4 Chos ‘phel. (2002). Gangs can ljongs kyi gnas bshad lam yig gsar ma (New Guide to Holy Places in Tibet). Beijing: Mi rigs dpe skrun khang, S. 61-63.
5TBRC RID 1723.
6TBRC RID 1505.
7TBRC RID P3306.
8 Tulku Dragpa Gyaltsen’s lange Inkarnationslinie ist in Panchen Lobsang Chökyi Gyaltsens Gesammelten Werken niedergeschrieben. Dieser Punkt, hinsichtlich des Unterschiedes zwischen einer spirituellen und anerkannten Inkarnation, wird in einer Fußnote in der Shuk-den Affair erwähnt, allerdings mit nur wenig Kontext, um den Unterschied zu erklären. Es wird dort höchstwahrscheinlich nur erwähnt, um Zweifel hinsichtlich der Authentizität von Behauptungen über Tulku Dragpa Gyaltsens früheren Inkarnationen zu wecken. Wenn allerdings ein derartiger Skeptizismus angewandt wird, fällt das gesamte tibetische System der Anerkennung von Inkarnationen wie ein Kartenhaus zusammen.
9 Meditation on Vajrabhairava, translated by Sharpa Tulku with Richard Guard, S. 31.
10The Hermitages of Sera: Garu Nunnery. José Ignacio Cabezón (January 30, 2006), THDL.
11 Guru Deva Rinpoche (1984), S. 261-297.
12 “mthu stobs yongs kyi bdag po rgyal ba’i bstan bsrung chen po rdo rje shugs ldan rtsal,” Guru Deva Rinpoche (1984), S. 265.