Sönam Rinchen & Kunga Lodro
Sakya Thronhalter: Sönam Rinchen (1705 – 1741) und Kunga Lodro (1729 -1783)
„Er, der als Dolgyal bekannt ist, ist nicht fehlerhaft auf dem Pfad zur Befreiung und ist in Essenz der Große Mitfühlende.“
Der Sakya Thron ist eine vererbte Linie (sa skya khri chen), in welcher Sönam Rinchen (1705 – 1741) der 31. Thronhalter war – der Vater von Kunga Lodro (1729 – 1783) 1, dem 32. Thronhalter. Sakya selbst ist ein Klosterkomplex in Westtibet. Nord Sakya hatte Tempel, die viele heilige Objekte beherbergten, wie der sgo rum, der 1073 von Khon Konchok Gyalpo gegründet wurde und die fliegende Maske von Mahakala2 beinhaltete. Im gleichen Komplex befand sich der rmug chung mgon khang, auch bekannt als das Gyalchen Dorje Shugden Beschützerhaus3. Ein moderner Reiseführer listet es als immer noch bestehend auf.4
Das Ritual rgyal gsol log ‘dren tshar gcod,5 Die Bitte um das Beseitigen von störenden Kräften, wird in einigen Fällen Sönam Rinchen zugeschrieben und in anderen Fällen Kunga Lodro. In Kunga Lodros Autobiografie wird jedoch sein Vater als Autor benannt, (yab rje mchog gi gsung), von dem er diese besondere Übertragung erhalten hat.6 Obwohl dieses Ritual relativ kurz ist – es hat mehrere Seiten Länge 7 – beschreibt es, wie die verschiedenen Darbringungssubstanzen aufgestellt werden, sowie die Einzelheiten der Zutaten und Verzierungen des darzubringenden Tormas. In diesem spezifischen Fall wird das Ritual in Verbindung mit dem geheimen Hayagriva (rta mgrin gsang sgrub) ausgeführt. Im Anschluss folgt die Einladung und die Darbringung des Tormas (gtor bsngo).
Das Ritual beinhaltet das Darbringen von Erfüllungssubstanzen (bskang rdzas) der heiligen Bindung (thugs dam), welche die Beschützer an ihre Versprechen erinnert. Dann folgt ein Vers für unterwerfende Handlungen (’phrin las bcom) und eine Ermutigung für zornvolle Handlungen (drag bskul). Interessanterweise wird in einem Teil dieses Rituals zusätzlich zu dem Namen rdo rje shugs ldan rtsal der Name rdo rje shugs ldan mthu rtsal verwendet. Dreyfus schreibt, dass dieser Name von Verehrern des 20. Jahrhunderts verwendet wird8, aber dieses Ritual zeigt klar, dass er recht früh bei den Sakyas existierte und man kann ihn auch in vielen frühen Gelug-Ritualen finden.
Eine der Formen von Dorje Shugden, die es einzig bei den Sakyas gibt, ist Dorje Shugden auf einem schwarzen Pferd, welches die bestimmte Form ist, die im rgyal gsol log ‘dren tshar gcod Ritual erscheint:
In der Mitte eines himmlischen Palastes, der von schwarzem Wind umschlossen ist,
Ist der Große König mit einem dunkelroten Gesicht und zwei Händen,
Die rechte Hand schwingt eine Keule empor,
Er hält ein menschliches Herz in der linken Hand,
Trägt eine Lederhut und die drei Roben eines Mönches.
Er reitet ein schwarzes Pferd und ist umgeben von unvorstellbaren Ausstrahlungen.
In diesem Vers wird Dorje Shugden mit dem Titel Großer König (rgyal po chen po) bezeichnet. Im nachfolgenden Einladungsvers (spyan ‘dren) wird er jedoch spezifisch Dorje Shugden genannt. Untersuchungen zeigen, dass diese Form, die auf einem schwarzen Pferd reitet, letztendlich nicht in die Gelug Entwicklung von Dorje Shugden in einem größeren oder dokumentierten Umfang übernommen wurde.
Eine der interessantesten Verbreitungen der rta nag can Form von Dorje Shugden aus der Sakya-Tradition ist eine tibetische Gemeinschaft, die in Gyasumdo im Norden Nepals lebt. Dies ist eines der Themen in Stan Mumfords Buch Himalayan Dialogue, welches seine Forschungsergebnisse aus den frühen 80er Jahren dokumentiert.9 Die Bewohner dieser Gemeinschaft überliefern eine sehr ähnliche Entstehungsgeschichte von Dorje Shugden, wie sie in der Gelugpa verbreitet ist.10 Weiterhin interessant ist, dass dieses Dorf der Nyingma-Tradition folgt, obwohl die Ursprünge aus der Sakya stammen.11
In Gyasumdo hat jeder tibetische Haushalt seinen Altar auf der männlichen (rechten) Seite der Kochstelle. Man kann das Bild Padmasambhavas sehen, aber das Oberhaupt der Hausgemeinschaft bestätigt, dass der Altar hauptsächlich für den Linien-Sungma (Beschützer der Linie) gedacht ist. Diejenigen, die diese Beziehung ernst nehmen, führen regelmäßig Darbringungen aus.
Gemäß Mumford hat jede Familie ihren eigenen Dorje Shugden Text, der von einem Lama in der Vergangenheit der Familie geschrieben wurde. In einem Text heißt es:12
Beschütze den Dharma im allgemeinen und insbesondere den der Sakyapas. Ich preise Dich, der zugestimmt hat der Sungma der Sakyas zu sein.
In diesem Bericht gibt es mehrere einzigartige Beobachtungen. Erstens wurde Dorje Shugden nicht nur als Beschützer von monastischen Institutionen und hohen Lamas eingesetzt, sondern er war auch ein Familienbeschützer für die Laiengemeinschaft. Zweitens war er für diese Verehrer nicht einfach eine Belästigung, oder „ein geringer, gefährlicher“ Beschützer, wie es Dreyfus unterstellt, sondern ein wichtiger Teil ihres täglichen Lebens, ihres Erbes und ihrer spirituellen Sicht. Drittens waren diese Verehrer und ihr örtlicher Lama Anhänger der Nyingma-Tradition, was zeigt, das Dorje Shugden nicht von Natur aus gegen die Nyingma ist. Obwohl sich Dreyfus in der Online Version seines Essays The Shuk-den Affair,13 auf dieses Thema in Himalayan Dialogue bezieht, offenbart er diesen Punkt nicht.
Weiterhin kann Dorje Shugdens lange Verehrung im Kloster Tumkot Gompa, welches zur Sakya-Tradition gehört und am Weg zum Berg Kailash liegt, nachgewiesen werden.14
In seiner Feststellung zur Verbreitung der Dorje Shugden Verehrung in der Sakya, behauptet Dreyfus außerdem, dass es im Sakya-Kloster Ngor 15 keine Shugden Verehrung gab. Im Widerspruch dazu schreibt David Jackson, der aus Gene Smiths unveröffentlichtem Werk über Dorje Shugden zitiert: 16
Einer der wichtigsten mgon-khang von rDo-rje-shugs-ldan war der Ten-mkhar in Ngor.
Einen Hinweis auf dieses Beschützerhaus als Ngor gyi rten mkhar gibt es auch in Nyungne Lamas Ritual, welches nachstehend beschrieben wird. 17 Somit scheint es bereits im frühen 19. Jahrhundert bestanden zu haben. Aus der Übersetzung von Nebesky-Wojkowitz:
Um die kriegerischen Horden der rgyal btsan Dämonen aus dem „Schwarzen Quartier“ zurückzutreiben, Bitte komme aus dem Ngor gyi rten mkhar.
Weiterhin argumentiert Dreyfus, dass die Shugden-Praxis aus der Sakya wahrscheinlich aufgrund ihrer sektiererischen Implikationen verschwand. Bei genauerer Untersuchung kann jedoch festgestellt werden, dass es hierfür keine Belege gibt. Erstens hat die Gelug-Verehrung von Shugden ihre eigenen Merkmale entwickelt, und es gibt wenig Gründe für die Annahme, dass diese Merkmale wie z.B. der Titel ‘Jam mgon rgyal ba’i gnyis pa’i bstan srung (dies bezeichnet Dorje Shugden als Je Tsongkhapas Dharma-Beschützer) bis in die Sakya zurückgehen.
Zweitens illustriert das Essay The ‘Bhutan Abbot’ of Ngor: Stubborn Idealist with a Grudge Against Shugs-ldan von David Jackson, dass es in der Sakya in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine überwiegende Anzahl von Dorje Shugden Anhängern gab. Jackson schreibt, dass der Abt des Klosters Ngor Ngag-dbang-mkhyen-rab-’jam-dpal-snying-po (1871-1952) ein bekannter Verehrer von Dorje Shugden war, und dass er und sein Onkel mKhan-chen Ngag-dbang-blo-gros-snying-po die Region Kham besuchten und dort in den 1890ern die Shugden-Verehrung in vielen Klöstern etablierten.
Ein späterer Abt des Kloster Ngor gefiel die Shugden Verehrung nicht, allerdings führte dies lediglich zu Affären innerhalb der Sakya. Es wird nirgendwo erwähnt, dass dieser spätere Abt jemals Dorje Shugden Verehrer der Gelugpa konfrontierte. Somit gibt es keinen Hinweis, dass die Shugden-Verehrung der Gelug jemals zu Verstrickungen mit der Sakya geführt hat. Selbst innerhalb der Sakya basierten die Affären um Dorje Shugden nicht auf angeblichem Sektierertum.
Obwohl Sönam Rinchen die Form von Dorje Shugden, die ein schwarzes Pferd reitet, klar erkannte und verehrte, war es Kunga Lodro, der die verschiedenen Formen und Rituale voll entwickelte. Zusätzlich zu all den Übertragungen und Ermächtigungen (z.B. Lamdre), die er von Sönam Rinchen erhielt, empfing er auch alle Linien von Morchen Kunga Lhundrubs Herzschüler Nesar Dorjechang.1819 In seiner Biografie von Nesar Dorjechang listet Kunga Lodro Dorje Shugden unter seinen verschiedenen Schriften. Kunga Lodro kannte deshalb Morchens Ritual über Dorje Shugden.20 Außerdem scheint es der Fall zu sein, dass es Kunga Lodro selbst war, der dieses vollständig zu den fünf Formen von Dorje Shugden (rigs lnga), mit der Hauptfigur als ‘dul ‘dzin oder Vinayadhara, entwickelte. Dies wurde in einem Text von Sachen Kunga Lodro mit dem Titel ‘dul ‘dzin mchod chog phun ‘tshogs ‘dod ‘khyil.21 beschrieben. Weiterhin gibt es eine Reihe von Belegen, die wenig Zweifel daran lassen, dass diese Tradition von Dorje Shugden von Sachen Kunga Lodro eingegliedert wurde.
Das Objekt Nr. 39322 aus der Rubin Museum of Art Collection enthält eine Erklärung dieser fünf Linien basierend auf ihren Abbildungen in einem Sakya Tangkha aus dem 19. Jahrhundert. In diesem Tangkha ist der Enkel von Sachen Kunga Lodro abgebildet, der 34. Thronhalter pad ma bdud ‘dul dbang phyug (1792-1853). Dieser Tangkha wurde höchst wahrscheinlich gemalt, als er der Thronhalter war – im frühen 19. Jahrhundert. Die zentrale Figur Shugden wird auf einem Löwenthron abgebildet, ähnlich der Beschreibung, die von Morchen Dorjechang verfasst wurde, und hält eine Keule und eine Schlinge. Die vier umgebenden Ausstrahlungen zeigen ihre üblichen Merkmale: der Große friedvolle König (zhi ba’i rgyal chen), der Große vermehrende König (rgyas kyi rgyal chen), der Große machtvolle König (dbang gi rgyal chen) und der Große zornvolle König (drag po’i rgyal chen). Außerdem gibt es auf der Rückseite des Tangkhas eine lange Inschrift, die Folgendes beinhaltet: om ma hA rA dza ba dzra bi gI bi krA na+ta.. Dies beinhaltet die Schlüsselkomponenten des Mantras, welches von Gelugpa-Anhängern verwendet wird.
Eine Untersuchung von Sachen Kunga Lodros Autobiografie bietet eine andere Perspektive auf die frühe Sichtweise der Sakyas von Dorje Shugden. In dieser ist desweiteren ein Katalog seiner eigenen Schriften zu finden. In der Einleitung, die verschiedene Prophezeiungen aus den vergangenen Leben Kunga Lodros enthält, wird der Große Beschützer Dorje Shugden Tsel (chos skyong rdo rje shugs ldan rtsal) mit der Aussage zitiert, dass Kunga Lodro eine Ausstrahlung des indischen Meisters Jetari, 23 einem Guru Atishas war. Um Überzeugung in Dorje Shugdens Enthüllung (lung bstan) zu entwickeln, dass Kunga Lodro eine Ausstrahlung Jetaris war, führt der Text weiter aus: 24
Aus dem Nyingma Tantra rin chen sna bdun: derjenige, der den Titel trägt Großer König, Dolgyal, er, der als Dolgyal bekannt ist, ist nicht fehlerhaft auf dem Pfad zur Befreiung und ist in Essenz der Große Mitfühlende (Avalokiteshvara).
An späterer Stelle der Autobiografie gibt es einen Katalog (dkar chag) seiner verschiedenen Schriften.25 Ein Werk mit dem Namen mchod dpon sde drug mkhan por gnang ba’i shugs ldan gtor bsngo wird aufgeführt, welches anscheinend ein Torma Darbringungsritual an Dorje Shugden ist. Es wurde blo bzang rnam rgyal übergeben, einem Darbringungsmeister (mchod dpon mkhan po) des 7. Dalai Lama.26 Dieses taucht auch in einem anderen Katalog 27 von Kunga Lodros gesammelten Werken auf, in Band 6 (cha). Weiterhin aufgeführt sind im Katalog der Autobiografie: shugs ldan rtsal gyi drag po’i gtor chen, Die Große zornvolle Torma-Darbringung an Shugden Tsel,28 sowie Bitte an Gyalchen Fünf Familien in einem Vers (rgyal chen rigs lnga’i ‘phrin gsol shlo ka gcig) und shugs ldan thug chog gi zin bris.29
Fußnoten
1TBRC Person RID: P805
2 Vitali, Roberto (2001). Sa skya and the mNga ris skor gsum legacy: the case of Rin chen bzang po’s flying mask in Lungta, Amnye Machen Institute, S. 11.
3 Schoening J. (1990). “Religious Structures at Sa-skya” in L. Epstein and R.F. Sherburne eds., Reflections on Tibetan Culture, Essays in Memory of Turrell V. Wylie, Studies in Asian Thought and Religion, Mellen Press, Lewiston-Queenston-Lampeter, S. 26.
4 Gyurme Dorje. (1999). Tibet Handbook. Footprint Travel Guides, S. 281.
5 Gemäß Dreyfus in The Shuk-den Affair: “Pl 480/ IASWR microfilms 08.043. ’Dpal bsam yas lhun gyis grub pa’i gtsugs lag khang gi srung ma phrin las kyi mgon pa kun khyab rdo rje drag po rtsal gyi spyan ’dren bskang pa phrin bcol, 12.b-16.a. Es ist in keiner Weise sicher, dass die gegenwärtige Version mit dem von Sönam Rinchen geschriebenen Text identisch ist. Das Kolophon erwähnt, dass der Text von Ngak-wang Kun-ga Lo-dro (ngag dbang kun dga’ blo gros) überarbeitet (bcos) worden ist . Der Text findet sich in einer Sammlung von Ritualtexten von Anye Zhab (amyes zhabs ngag dbang kun dga’,) 1597-1659).”
6 Sa-skya Bdag-chen Gong-ma Kung-dga’-blo-gros (1983), S. 410.
7 Der Druck des hier untersuchten Textes stammt von ’Jam mgon rgyal ba’i bstan srung rdo rje shugs ldan gyi ’phrin bcol phyogs bsdus bzhugs so. Bylakuppe, India: Ser smad gsung rab ’phrul spar khang (1992), S. 24-28.
8 Dreyfus (1999), p. 240: “To his twentieth century followers, Shuk-den is known as Gyel-chen Dor-je Shuk-den Tsal, the “Great Magical Spirit Endowed with the Adamantine Force.” If we look at earlier mentions, however, we can see that Shuk-den also appears under another and less exalted name, i.e., as Dol Gyal (dol rgyal).”
9 Mumford (1989), S. 125.
10 Mumford (1989), S. 125.
11 Mumford (1989), S. 126.
12 Mumford (1989), S. 264.
13The Shuk-Den Affair: Origins of a Controversy
14Tsewang, Lama. (2002). Kailash Mandala: a Pilgrim’s Trekking Guide. Humla Conservation and Development Association, S. 72.
15 Dreyfus (1999), S. 241.
16 Jackson (2001), S. 96.
17 Nebesky-Wojkowitz (1956), S. 141.
18TBRC Person RID: P803
19 Stearns (2006), S. 274.
20 Sa-skya Bdag-chen Gong-ma Kung-dga’-blo-gros (1983), S. 260.
21 rgyal chen srog gtad kyi sngon ‘gro bshad pa’i mtshams sbyor kha skong bzhugs so, folio number 535 vol. ja.
22Worldly Protector (Buddhist)-Dorje Shugden at HimalayanArt.com
23 Sa-skya Bdag-chen Gong-ma Kung-dga’-blo-gros (1983), S. 312.
24 Sa-skya Bdag-chen Gong-ma Kung-dga’-blo-gros (1983), S. 322.
25 Sa-skya Bdag-chen Gong-ma Kung-dga’-blo-gros (1983), S. 399.
26 Er wird mehrfach in den Gesammelten Werken des Siebten Dalai Lama genannt. Einmal als einer derjenigen, die Changkya Rolpei Dorje ersuchten, die Biografie des Siebten Dalai Lama zu verfassen, und als Schreiber in rgyal mchog bskal bzang rgya mtsho’i rnam thar. Er wird auch erwähnt in einem Werk von Yeshe Gyaltsen namens dga’ ldan phyag chen gyi gnad gsal bar ston pa, wo er zusammen mit einer anderen Person genannt wird, als einer derjenigen, die ihn ersuchten, diese zu schreiben.
27TBRC work RID: W19837
28 Sa-skya Bdag-chen Gong-ma Kung-dga’-blo-gros (1983), S. 400.
29 Sa-skya Bdag-chen Gong-ma Kung-dga’-blo-gros (1983), S. 401.
