Trichen Tenpa Rabgye

Retreng Rinpoche Trichen Tenpa Rabgye (1759-1815)

Großer, machtvoller Beschützer des Buddhadharma, Gyalchen Dorje Shugden und Gefolge, komme hierher!“

Tritul Tenpa Rabgye (1759-1815),1 die Reinkarnation von Trichen Ngawang Chogden, wurde 1759 in Lithang, Kham, geboren. Im Alter von zwei Jahren bat er den Abt Phuntsog Gyatso um die Vajravidarana Reinigung. Im Alter von sechs Jahren wurde er als Inkarnation von Trichen Ngawang Chogden anerkannt.

Er empfing die Ordination von Panchen Rinpoche Palden Yeshe, und als er zehn Jahre alt war, empfing er von ihm Einweihungen und Unterweisungen, u.a. von Guhyasamaja und Heruka. Er trat in das Kloster Sera Je ein und studierte die fünf großen Themen und erhielt den Geshe Lharampa Abschluss. Er empfing die volle Ordination von Panchen Palden Yeshe und trat in das tantrische Kolleg Gyumed ein. Danach lebte er im Shide Samten Ling in Lhasa. Er diente als Tutor für die Inkarnation von Changkya Rölpai Dorje. Als er 49 war, gab er auf Bitten des Sera Je Kollegs in zehn Lehrzyklen die essentielle Übertragung und die Unterweisungen über Lamrim an tausende von Mönchen.2

Seine Gesammelten Werke umfassen vier Bände, die in der Library of Tibetan Works and Archives, Dharamsala 1985, veröffentlicht sind.3 Band 1 beinhaltet Sadhanas für verschiedene Yidams, einschließlich Naropas Vajrayogini Naro Khachö [nA ro mkha’ spyod], die auf Bitten eines Mönches vom Kloster Namgyal geschrieben worden sind. Band 2 besteht aus verschiedenen Werken, einschließlich Antworten auf Fragen von Studenten, wie z.B. der Reinkarnation von Jaya Pandita, zu verschiedenen Themen. Band 3 beinhaltet Unterweisungen über die Methode zur Entwicklung von Bodhichitta, die von Dharmarakshita überliefert wurde, genannt Rad der scharfen Waffen [mtshon cha ‘khor lo]. Band 4 enthält Sadhanas und Verehrungen für verschiedene Yidams und Beschützer, wie z.B. das Mandala der dreizehn Gottheiten des Roten Yamari.

In Band 2 seiner Gesammelten Werke finden sich kurze Verehrungen von verschiedenen überweltlichen und weltlichen Beschützern. Eine der zusammengefassten Verehrungen ist eine interessante Kombination von Beschützern. Als erstes aufgeführt sind der Befreiende Ging und die Acht Schwert schwingenden Schlachter, welches Übernamen für Begtse oder [lcam sring] und sein Gefolge sind; ein Beschützer aus dem Hayagriva Zyklus (überweltlich).4 Darauf folgen Dorje Legpa, Dorje Shugden und Karma Trinley (anscheinend auch mit Hayagriva verbunden). Die Einladung lautet:5

Hum
Obwohl ihr unbeweglich im Weisheits-Dharmakaya verweilt,
Um das Böse zu zähmen, indem ihr zornvolle Formen zeigt,
Befreiender Ging und Acht Schwert schwingende Schlachter,
Kommt hierher, mit Eurem Gefolge wie ein Ozean!

Mit großen, machtvollen Flammen versehen,
Feind der Störenfriede, Befreiender Dorje Legpa,
Großer machtvoller Beschützer des Buddhadharmas,
Gyalchen Dorje Shugden und Gefolge, bitte kommt hierher!

Auf diese Einladung folgen Bitten, Bekenntnis, Erfüllung [thugs bskang] und Lobpreisungen.6

Obwohl Du unbeweglich im friedvollen Dharmdhatu verweilst,
Manifestierst Du Dich als zornvoller Dorje Shugden Tsel,
Mit rotem Körper und einem Dorje in der rechten Hand
Und einem schwarzen Lasso in der linken Hand, [Dich] preise ich.

Im Anschluss folgen Bitten an das Gefolge, die Behinderer des Buddhadharmas zu Staub zu zermahlen und für den Dharma und seine Halter zu sorgen.

Eine andere kurze Verehrung richtet sich an eine andere Gruppe von Beschützern, einschließlich Setrapchen, Dorje Shugden und einen unbekannten Beschützer, der als bdud ‘joms ‘bar ba bezeichnet wird. In diesem Fall werden sowohl Setrapchen als auch Dorje Shugden als Ausstrahlungen erhabener Wesen bezeichnet; Dorje Shugden wird als Ausstrahlung von gsang bdang, oder Vajrapani, bezeichnet.7

Amitabhas Manifestation Setrapchen,
Herr der geheimen Ausstrahlungen Dorje Shugden Tsel,
Und insbesondere der Mächtige Ne’u Naga’s,
Befehlender, Lodernder Unterwerfer von Dämonen, bitte komme hierher!

Dann folgen Bitten um friedvolle, vermehrende, kraftvolle und zornvolle Handlungen. Im Anschluss folgt eine kurze Bitte um Erfüllung. Als nächstes dann individuelle Verse der Lobpreisung. Dies ist sehr interessant, denn es scheint einer der wenigen Gelug-Texte zu sein, die Dorje Shugden erwähnen, der auf einem Pferd reitet, welches eher in der Sakya-Tradition eine populäre Form war. Auch die letzten zwei Zeilen beziehen sich offenbar auf die friedvolle Ausstrahlung von Dorje Shugden, die weiß ist und einen Elefanten reitet.8

Aus dem Spiel untrennbarer Glückseligkeit und Leerheit,
Entsteht der magische Dorje Shugden auf einem schwarzen Pferd,
Strahlend wie ein Schneeberg und äußerst zornvoll,
Lobpreisung an Dich, der mit weißen Tüchern und Kopfschmuck bekleidet ist.

Da dies eine der frühesten Eingliederungen von Dorje Shugden in die Gelug-Tradition ist, hat sie historischen Wert. Dreyfus behauptet in The Shuk-den Affair, dass er der historischen Vorgehensweise folgt, verwirft jedoch fast alle Dorje Shugden Texte der Gelug bis zu Pabongkha Rinpoche. Dies ein kaum eine unvoreingenommene Vorgehensweise. Seine Annahme ist recht plump und unbedacht, dass Dorje Shugden bis zur Zeit Pabongkha Rinpoches als weltlicher Beschützer behandelt wurde und dann plötzlich sei er von Pabongkha Rinpoche oder Trijang Rinpoche als überweltlicher Beschützer verbreitet worden. Sein Standpunkt impliziert, dass die Shugden „Gläubigen“, nämlich Schüler von Pabongkha Rinpoche, eine Sicht haben, die nicht in Übereinstimmung mit der Geschichte ist.

Vielleicht möchte uns Dreyfus glauben machen, dass diese spezifische Sicht der Anhänger des 20. Jahrhunderts etwas später Erfundenes ist, um somit einen sogenannten früheren geringen Status und neuen erhöhten Status von Shugden erklären zu können. Insbesondere schiebt Dreyfus diese Angelegenheit als „normative Unterscheidung“ zwischen der interpretativen [drang don] und endgültigen Bedeutung [nges don] der Gottheit zur Seite.9 In der Tat hat Trijang Rinpoche dieses Konzept klar ausgeschlossen, aber diese Zweideutigkeit hat ihren Ursprung in Ritualen, die deutlich älter sind. Dreyfus schreibt, dass Trijang Rinpoche „die Glorifizierung von Shugden noch weiter trieb als Pabongkha und auf dem Fakt bestand, dass diese Gottheit in endgültiger Bedeutung ein voll erleuchteter Buddha sei, der lediglich als weltliche Gottheit erscheint.“10 Aber dieses Konzept kann ganz klar in vielen anderen frühen Ritualen gefunden werden.

Obwohl diese Punkte mit verschiedenen Methoden geklärt werden können, sind Trichen Tenpa Rabgyes Rituale ein perfektes Beispiel, um sie zu untersuchen. Diese Zweideutigkeit zwischen interpretativer Bedeutung (als weltlicher Beschützer) und endgültiger Bedeutung (als in Wirklichkeit ein Buddha) findet sich in Trichen Tenpa Rabgyes Ritualen. Insbesondere erwähnt Trichen Tenpa Rabgye Dorje Shugden als eine Ausstrahlung Vajrapanis, der aus tantrischer Sicht erleuchtet ist. In einer Lobpreisung heißt es außerdem, dass Dorje Shugden unbeweglich im Dharmakaya verweilt, einer ontologischen Sphäre, in der nur Buddhas verweilen. Die Wortwahl des Rituals spielt mit diesem Paradoxon, nämlich dass die Gottheit einen friedvollen Zustand eines Buddhas erlangt hat, aber für einen spezifischen Zweck eine zornvolle Form annimmt. Diese Beschreibung zeigt auch, dass es nicht nur die „reine Sicht“ des Rezitierenden des Rituals ist, welche die endgültige Natur der Gottheit erkennt. Stattdessen hat die Gottheit selbst den Dharmakaya erlangt und nimmt aus eigener Willenskraft die Form eines Beschützers an. Morchen Dorjechangs Ritual enthält einen ähnlichen Vers, und auch in mehreren anderen Ritualen des 19. Jahrhunderts drückt sich die gleiche Idee aus (siehe Rituale von Namkha Tenkyong, Serkong Dorjechang usw.). Aber sind die erhabenen Implikationen dieser Verse nur bloße Übertreibung? Eine eingehende vergleichende Untersuchung anderer historischer Dokumente gestattet einen guten Einblick, ob eine derartige Übertreibung hier angewendet wird oder nicht.

Ein anderer Weg, diese Zweideutigkeit zu untersuchen, ist durch die rigide Unterteilung von Beschützern in weltlich und überweltlich. Es ist nicht klar, wann die Unterteilung zwischen den zwei Arten von Beschützern begann, aber mit dem Beginn der umfangreichen, systematischen Eingliederung verschiedener Beschützer in die Gelug-Liturgien im 18. Jahrhundert wurde es wichtiger, diese Unterscheidung zu verdeutlichen. Insbesondere schrieb Longdol Lama Ngawang Lobsang [Ngag dbang Blo bzang] (1719-1794)11 eine Definition für die Unterscheidung zwischen den beiden, und im Text bstan srung dam can rgya mtsho’i ming gi grangs listet er viele der Beschützer in ihren entsprechenden Kategorien auf. Longdol Lama definiert überweltliche Beschützer als solche, die den Arya Pfad ['phags lam thob] erlangt haben und verschiedene Formen manifestieren, die von anderen Wesen wahrgenommen werden können. Dies beinhaltet Buddhas sowie Bodhisattvas. Von weltlichen Beschützern gibt es zwei Arten: diejenigen, die in den Pfad eingetreten sind und diejenigen, die nicht eingetreten sind. Diejenigen, die in den Pfad eingetreten sind, werden tugendhafte Beschützer genannt. Sie haben Unterweisungen von vergangenen Buddhas gehört und haben einen Schwur geleistet, die vier Ansammlungen zu beschützen – Novizenmönche und -nonnen und voll ordinierte Mönche und Nonnen. Es gibt schwurgebundene Beschützer, die in der Gegenwart vergangener indischer und tibetischer Meister Gelübde und Schwüre abgelegt haben.12

Longdol Lamas Klassifizierung von bestimmten Beschützern stützt sich manchmal auf Aussagen aus den Werken früherer Meister, um festzulegen, ob sie weltlich sind oder nicht. Ähnliche Argumente lassen sich in Trijang Rinpoches Klassifizierung von weltlichen Beschützern, die Ausstrahlungen von Buddhas und Bodhisattvas sind, finden. Longdol Lama listet beispielsweise die fünf Langlebensschwestern als überweltlich auf, mit dem Grund, dass es in den Gesammelten Werken des Siebten Dalai Lamas heißt, dass es sich bei ihnen um die fünf Klassen von Dakini handelt. Ähnlich handle es sich bei der grundlegenden Ausstrahlung der 12 Göttinnen [bstan ma bcu gnyis] um Herukas fünf Essenzdakinis und die acht Wächter der Tore.13 Normalerweise werden diese zwei Gruppen von Beschützern als weltlich betrachtet, da sie Orakel haben und einheimische Gottheiten waren, die von Padmasambhava gebunden wurden. Somit hat es den Anschein, als ob Longdol Lama diese Behauptungen nicht als reine Übertreibung interpretiert. Weiterhin bezeichnet Longdol Lama in seinen Werken den Fakt, dass einige überweltliche Beschützer Manifestationen sind, die aus Glückseligkeit-Leerheit (evam) entstanden sind, als Kriterium für seine Kategorisierung.14

Somit legt Longdol Lamas Methode der Klassifizierung den Schwerpunkt auf seine Definition, d.h. wenn ein Beschützer als Ausstrahlung eines Arya Wesens, oder aus der Natur des Dharmakayas belegt werden kann, dann ist dies Ausschlag gebend, auch wenn er von vergangenen Meistern durch Schwur gebunden wurde. Dies impliziert auch, dass bestimmtes Verhalten des Beschützers, wie z.B. in ein Orakel einzutreten, ihn nicht zwangsläufig disqualifizieren, als überweltlicher Beschützer kategorisiert zu werden.

Es sollte angemerkt werden, dass Setrapchen in Longdol Lamas Liste als weltlicher Beschützer aufgeführt wird. Anscheinend hatte er keine Beurteilung von Setrapchen als Ausstrahlung von Amitabha, wie es in Trichen Tenpa Rabgyes Rituals zu finden ist, oder er hatte eine persönliche Bevorzugung für die fünf Langlebensschwestern gegenüber Setrapchen. In jedem Fall wird Dorje Shugden in Longdol Lamas Liste nicht kategorisiert. Es ist hier deshalb sachdienlicher, seine Methode als solche zu verstehen, als die Einzelfälle zu betrachten.

Somit gibt es historische Präzedenz für die Anerkennung von Wesen, die allgemein vielleicht „weltliche Beschützer“ genannt werden, als in Wirklichkeit Ausstrahlungen von Arya Wesen, die ganz einfach einen weltlichen Aspekt annehmen. Dies sind nicht nur bloße Argumentationen, die später von Trijang und Pabongkha Rinpoche erfunden wurden, um die interpretierbare Erscheinung eines weltlichen Beschützers zu umgehen. Ganz im Gegenteil, die zweiteilige Klassifizierung und Methode von Longdol Lama ist sogar noch liberaler als die Klassifizierung, die von Trijang Rinpoche postuliert wird. Wenn nämlich der fragliche Beschützer – d.h. die fünf Langlebensschwestern – mittels Zitat als Ausstrahlung eines Arya Wesens festgelegt werden kann, dann kann der Beschützer als überweltlich klassifiziert werden. Auf der Grundlage von Longdol Lamas Methode sowie der Anerkennung von Shugden als Ausstrahlung Vajrapanis durch Trichen Tenpa Rabgye, kann Dorje Shugden deshalb mit Sicherheit als überweltlicher Beschützer kategorisiert werden.

Obwohl Trichen Tenpa Rabgyes Rituale an Shugden recht kurz sind, hatte er enge Verbindungen mit anderen Rinpoches, insbesondere aus dem Kloster Sera, während der Entwicklung der Shugden-Praxis in der Gelug-Sekte. Wie zuvor erwähnt bat er Dragri Gyatso Thaye eines der ersten ausführlichen Rituale an Shugden zu schreiben. Auch Rinchen Wangyal (1741 – 1812) war ein wichtiger Lama aus Sera und ein Student von Trichen Tenpa Rabgye, Dragri Gyatso Thaye und Khachen Yeshe Gyaltsen. In Serkong Dorjechangs Kangso wird erwähnt, dass Rinchen Wangyal Schriften über eine Dorje Shugden Einweihung und Lebenshingabe verfasst hatte, welche wahrscheinlich die ersten ihrer Art waren.15 Weiterhin war die Reinkarnation von Rinchen Wangyal als Dol Sungrab Ling Tulku (1813-?)16 bekannt, aus dem Gelug-Kloster in Dol, welches vom fünften Dalai Lama gegründet worden war.

Abschließend, Trichen Tenpa Ragyes Biografie wurde von Lobsang Trinley Namgyal geschrieben,17 der auch sein Student war. Er wurde später ein mtshan zhabs des 10. und 11. Dalai Lamas. Er schrieb eine lange Biografie von Je Tsongkhapa [tsong kha pa’i rnam thar, 376 Blätter], und darin finden sich die folgenden Verse der Verehrung in der Einleitung:18

Durchdringender Eroberer Akshobya,
Vajrabhairava, Heruka,
Tara, Mutter aller Buddhas,
Friedvolle und zornvolle Yidams,
Bitte gewährt die allgemeinen und außergewöhnlichen Siddhis.

Mahakala, äußerer, innerer und geheimer Yamaraja,
Mahakali, Fünf große Könige,
Dorje Shugden, der Dämonen besiegt,
Ozean von Beschützern, führt die vier Handlungen aus.

Fußnoten

1TBRC Person RID: P304.
2 Don rdor and bsTan ‘dzin chos grags (1993), S. 832, 833.
3TBRC Work RID: W7335.
4 Nebesky-Wojkowitz (1976), S. 58-59.
5 Blo bzang ye shes bstan pa rab rgyas (1985), S. 10.
6 Blo bzang ye shes bstan pa rab rgyas (1985), S. 12.
7 Blo bzang ye shes bstan pa rab rgyas (1985), S. 32.
8 Blo bzang ye shes bstan pa rab rgyas (1985), S. 33.
9 Dreyfus (1999), S. 228.
10 Dreyfus (1999), S. 255.
11TBRC Person RID: P22.
12 Longdol Lama (1973), S. 1254.
13 Longdol Lama (1973), S. 1261.
14 Longdol Lama (1973), S. 1260.
15 Guru Deva Rinpoche (1984), S. 510.
16TBRC Person RID: P2429.
17TBRC Person RID: P262.
18The String of Incredible Jewels, downloaded 7/18/2008.

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