Zusammenfassung
In den nachstehenden Texten sind die nahezu vollständige Entwicklung der Dorje Shugden Rituale, der Ikonografie und das erhabene Vermächtnis dieses Beschützers enthalten. Darunter befinden sich viele Details, die selbst den modernen Anhängern dieses Beschützers kaum bekannt und fast in Vergessenheit geraten sind.
Es ist ein integraler Bestandteil des tibetischen Buddhismus, die Verbindung zwischen den alten buddhistischen Wurzeln in Indien, den gegenwärtigen Manifestationen und der langfristigen Zukunft zu verstehen, was hauptsächlich durch die Inkarnationslinien geschieht. Solch eine Sichtweise steht nicht in Widerspruch zum Mahayana-Buddhismus, wo anerkannt wird, dass das Erlangen der Bodhisattva-Ebenen einem Wesen erlaubt, eine Vielzahl von Ausstrahlungen zu manifestieren. In diesem Fall ist Dorje Shugden im Kontinuum der Linie von Panchen Sönam Dragpa, die mit Manjushri, Shakya Shri Bhadra und Butön – um nur einige zu nennen – weit in die Vergangenheit reicht. Die Zukunft dieser Inkarnationslinie wurde bereits zur Zeit Shakya Shri Bhadras verkündet, von dem ein Arhat in Sri Langka prophezeite, dass er der Siebente Buddha dieses Äons werden würde.
Historisch gesehen war Tulku Dragpa Gyaltsen die letzte menschliche Inkarnation in dieser Linie, der zur Zeit des fünften Dalai Lamas lebte und relativ jung starb. Sein Anwesen im Kloster Drepung wurde später zerstört, die Stupas, die seine Reliquien enthielten, wurden an einen anderen Standort gebracht und eine Inkarnation wurde niemals gesucht. Nach seinem Tod erschien eine Wesenheit namens Dolgyal – Dorje Shugden – und innerhalb der nachfolgenden 50 Jahre erkannten wichtige Meister, die nachfolgend genannt werden, die Verbindung dieser Wesenheit mit dem gewaltsamen Tod Tulku Dragpa Gyaltsens und entwickelten daraufhin die ursprünglichen Rituale. Wiederum steht diese Sicht nicht in Widerspruch zum Mahayana-Buddhismus, wie Buddha im Treffen von Vater und Sohn-Sutra sagt:
Sie erscheinen in der Form von Indra oder Brahma,
Oder manchmal als Maras verkleidet,
Sie handeln für das Wohl der Lebewesen,
Obwohl die weltlichen Wesen sich dessen nicht gewahr sind.
Einige agieren und kleiden sich als Frauen.
Es gibt auch Ausstrahlungen im Tierbereich.
Sie handeln begehrend, obwohl sie es nicht sind,
Zeigen Furcht, obwohl sie furchtlos sind,
Handeln unwissend, geisteskrank oder verkrüppelt,
Obwohl sie in Wirklichkeit nichts dergleichen sind,
In verschiedenen Ausstrahlungen
Unterwerfen sie Lebewesen.
Wie bei anderen Gottheiten im Indo-tibetischen Buddhismus gibt es sowohl eine allgemeine Tradition einer bestimmten Gottheit mit gemeinsamen Eigenschaften, als auch verschiedene, spezifische Überlieferungslinien mit ihren eigenen Merkmalen. Innerhalb von mehr als 300 Jahren haben sich sowohl definitive, gemeinsame Merkmale entwickelt, als auch einzigartige Überlieferungen und Besonderheiten von Dorje Shugden. Zusätzlich zu der Erscheinung in fünf Formen rig nga [rigs lnga], die sich anscheinend in der Sakya-Tradition entwickelt hat und die Grundlage für die Adaption in der Gelugpa war, gibt es die besondere Sakya-Überlieferung von Dorje Shugden, der auf einem schwarzen Pferd reitet.
Sowohl die Sakya Thronhalter als auch Morchen Kunga Lhundrub inthronisierten Dorje Shugden und vertrauten ihm Aktivitäten an. Die Sakya Thronhalter rechtfertigten ihre Beziehung mit Dorje Shugden mit dem Nyingma-Tantra Rinchen nadun [Rin chen sna bdun], in dem es heißt, dass Dorje Shugden in seiner Essenz Avalokiteshvara ist. Sachen Kunga Lodro entwickelte die zwei grundlegenden Ikonografischen Systeme der Praxis und verfasste Rituale, in denen die Hauptform als Vinayadhara, Halter der monastischen Vinaya, erkannt wird.
Dorje Shugden scheint anfänglich in der Gelug-Niederlassung Trode Khangsar Fuß gefasst zu haben, mitten in Lhasa, in der Nähe des Tsuklhakhang, sowie im Mutterkloster Riwo Chöling. Ob dies zur Zeit des 5. Dalai Lamas geschah oder nicht – in jedem Fall war dies zu Beginn des 18. Jahrhunderts, da beide Einrichtungen in Morchen Kunga Lhundrubs Autobiografie genannt werden. Auf alle Fälle waren Trode Khangsar und Dol in Südtibet wichtige Ausgangsorte, die in verschiedenen Ritualen genannt werden, und ersterer beherbergte das Orakelmedium für Dorje Shugden.
Die Praxis von Dorje Shugden scheint sich in den drei Hauptklöstern der Gelugpas gegen Ende des 18. Jahrhunderts etabliert zu haben. Die erste Überlieferunslinie von Ermächtigung und Lebenshingabe wird in den Schriften von Rinchen Wangyal (1741-1812) vom Kloster Sera erwähnt, dessen Reinkarnation in Dol Sungrab Ling lebte. Rinchen Wangyal war ein Schüler des zweiten Reting Rinpoche und Dragri Gyatso Thayes, die beide wichtige Persönlichkeiten des Klosters Sera waren. In den Schriften des zweiten Reting Rinpoche wird Dorje Shugden als Ausstrahlung Vajrapanis beschrieben. Er bat Dragri Gyatso Thaye, das erste lange Ritual (kangso) für Dorje Shugden in der Gelugpa zu schreiben. Die Sera-Tradition, Dorje Shugden als Vajrapani anzusehen, setzte sich in den Ritualen von Namkha Tenkyong fort, dem Abt des tantrischen Kollegs von Sera. Schließlich schrieb auch Serkong Dorjechang aus dem Kloster Ganden sein Kangso gemäß der Sichtweise dieser Tradition, die ihn als Vajrapani betrachtet.
Dorje Shugden wurde nicht nur im einzelnen als Avalokiteshvara und Vajrapani erkannt, sondern er wurde auch als Manjushri erkannt. Diese Tradition war die populärste in der jüngeren Zeit, aber sie hat auch noch verschiedene Facetten. Wie Lobsang Tamdin feststellt, haben die Mongolen Tulku Dragpa Gyaltsen und später Dorje Shugden als „Löwengebrüll“ Manjushri betrachtet. Dagpo Kelsang Khedrup aus der Dagpo Region in Südtibet erkannte Dorje Shugden als zornvollen Manjushri. Weiterhin hat Dagpo Kelsang Khedrup ein erweitertes Gefolge von Dorje Shugden erkannt, welches später von Tagphu Padmavajra und Pabongkha Dechen Nyingpo zu Beginn des 20. Jahrhunderts voll entwickelt und die Hauptüberlieferung jenes Jahrhunderts wurde, die sich bis heute fortgesetzt hat.
Eine weitere Überlieferungslinie scheint mit dem achten Kirti Rinpoche in der Region von Tagtsang Lhamo in Amdo ihren Anfang zu nehmen. Diese Linie wurde später an Lobsang Tamdin in Khalkha in der Mongolei überliefert, der die meisten der Dorje Shugden Rituale in einem be bum sammelte und eine Einleitung verfasste. Dort heißt es, dass Dorje Shugden letztendlich ein Ausdruck (nam ‘gyur) des viergesichtigen Mahakala ist.
Obwohl frühe Gelug-Unterweisungen Dharmaraja, Vaishravana und den sechsarmigen Mahakala als Hauptbeschützer (der drei Ausrichtungen des Lamrim) betonen, gibt es nur wenige Bezugnahmen auf Dharmaraja als Hauptbeschützer der Gelug-Tradition. Im 19. Jahrhundert wurde Dorje Shugden weit verbreitet als Beschützer des Eroberers Manjunatha, oder Manjushrigarbhas Dharmabeschützer bezeichnet, wobei sich Manjunatha und Manjushrigarbha auf Je Tsongkhapa beziehen. Somit scheint es der Fall zu sein, dass Dorje Shugden der einzige Beschützer ist, der anerkanntermaßen die Verantwortung trägt, die Gelug-Tradition zu beschützen. Weiterhin sagt Lobsang Tamdin, dass diese außergewöhnliche Aufgabe von Dorje Shugden als Beschützer der Gelug-Tradition zuerst von Nyungnä Lama Yeshe Sangpo erkannt wurde, als Dorje Shugden im Trode Khangsar Temple in das Orakelmedium eintrat und ihn bat, ein Kangso an die überweltliche Form von Dorje Shugden zu verfassen.
Zusammengefasst, wird aus historischen Quellen offenkundig, dass Dorje Shugden die drei Bodhisattvas Avalokiteshvara, Vajrapani und Manjushri ist. Er ist der einzige Beschützer, der jemals den Titel Beschützer des Eroberers Manjunatha trug, der die Verantwortung hat, die Lehre des zweiten Buddhas Jamgon Lama Tsongkhapa zu beschützen und zu verbreiten. In der fernen Zukunft ist er der Siebente Buddha dieses glücklichen Äons.
