Das Kloster Riwo Chöling: Sangye Gyatsos Erholungsort
Sangye Gyatso (1653-1705) war bemerkenswert ehrgeizig. Er wurde 1653 geboren, ungefähr zehn Jahre nachdem der Dalai Lama die Macht über Tibet erhielt. Nicht nur übernahm er in 1679 im jungen Alter von 26 Jahren die Rolle der Regierungsführung, er war auch ein überaus produktiver Gelehrter, der maßgebliche Bücher über Tibetische Medizin, Astrologie und Geschichte schrieb. Seim Maßstab war sehr ambitioniert, wie zum Beispiel vollendete er den Baus des Potala, begründete die Chagpori Medizinschule und andere staatliche Neugestaltungen. Er verbarg auch den Tod des Fünften Dalai Lamas im Jahr 1682, für die meiste ´Zeit seiner Herrschaft, um Einmischungen von fremden Mächten, wie dem Qing Königreich zu vermeiden.20
Sangye Gyatso war ein Neffe von Trinley Gyatso (ESG, 112), dem Regenten, ernannt vom Fünften Dalai Lama nach Sonam Rabten. Sangye Gyatso kam zu ersten Mal 1660 in den Potala, als er acht Jahre alt war und persönlich vom Dalai Lama betreut wurde, der auch sein Mentor war (HPP, 453). Im Jahr 1675 wurde er gebeten Regent zu werden, was er zu Gunsten eines spirituellen Lebens ausschlug (HPP, 455). In 1679, nachdem der zwischenzeitliche desi nicht mehr länger fungieren konnte, gab er schlussendlich doch nach, die Position des desi zu übernehmen, nachdem ihn der Fünfte Dalai Lama, basierend auf Lhamos Orakelratschlag aufgrund seiner Beziehung zum früheren desi und Vorraussagungen in verschiedenen termas, darum gebeten hatte21 (HPP, 455).
Riwo Choling ist ein abgelegenes aber relativ großes Gelug-Kloster, südlich von Lhasa in der Region des Yarlung Tales. Der Ursprung des Riwo Choling Klosters geht zurück ins 14.Jahrhundert, als Je Tsongkhapa zusammen mit anderen Mönchen durch dieses Gebiet reiste. Diese Gegend umfasst auch zwei Berge, Je Tsongkhapa äußerte, da dieses Gelände geformt war wie ein Schwert, daß dies in der Zukunft ein einvernehmlicher Platz zum Lernen sei.22 Das Schwert ist das Utensil des Bodhisattvas der Weisheit, Manjushri, und repräsentiert Unterscheidende Weisheit.
Das Yarlungtal umschliesst viele wichtige, heilige Stätten, wie Tradrug (khra `brug), der erste Tempel in Tibet, erstellt durch den Dharmakönig Songtsen Gampo. Das Yarlungtal und seine Tempel waren durch Tibets Geschichte hindurch sehr wichtig, sowohl spirituell als auch geopolitisch. Beide, der Fünfte Dalai Lama und Desi Sangye Gyatso integrierten zentrale Punkte der herrschaftlichen Epoche in ihren Ritualkalender, um sich selbst als in der Tradition der „Rechtmäßigen Bewahrer der Buddhistischen Tradition in Tibet“ darzustellen (TF, 33). Der Ganden Podrang investierte sehr viel in die Instandsetzung Tradrugs, wie die Ausrüstung mit einem goldenen Dach und Spenden von täglichen Ritualen, wie zum Beispiel Butterlampendarbringungen, ähnlich wie die, die im Jokhang in Lhasa dargebracht wurden (TF, 34).
Bedingt durch die geographische Nähe von Tradrug zu Riwo Choling, leisteten vornehmlich Mönche von Riwo Choling den Betrieb in Tradrug (TF, 31). Riwo Choling war bekannt als eine der Wohnstätten Dorje Shugdens (TF, 110) und Dorje Shugden war auch als der Beschützer (srung ma) von Riwo Choling bekannt (TF, 312). Das Dorf unterhalb von Riwo Choling heißt Tsharu, welches zwei Kilometer südlich von Tradrug liegt, dem ältesten Tempel in Tibet, gebaut von Songtsen Gampo. Aus Choepels Pilgerleitfaden (GCJ, 48):
Dieses Kloster wurde ursprünglich im 15ten Jahrhundert von Je Tsongkhapas Schüler Khedrup Dondrup Palzang gegründet. Zu Beginn hatte es eine Schule mit acht Mönchen aber allmählich wuchs sie auf 100 Mönche an. Da dies das Kloster ist, welches berühmt dafür ist, daß Desi Sangye Gyatso hier sein spirituelles Leben begann, gibt es hier eine dreistöckige Festung von ihm auf dem Areal. Da Desi Sangye Gyatso dieses Kloster betreute, kam es dazu, daß es unter den Schutz der Regierung gestellt wurde. Mönche von diesem Kloster war es gestattet an den drei großen Klöstern [Ganden, Sera, Drepung], der Ngari Dagpo Universität und den Tibetischen Medizin Schulen wie beispielsweise Chagpori [lcags po ri] zu studieren. Man findet hier ein einstöckiges Gebäude vor, welches eine silberne, mit Goldornamenten verzierte Reliquie beherbergt, die den Schädel [zerbrochen in acht Teile, auf denen 21, von selbst erschienene, Taras sichtbar sind] von Marpas Sohn Darma Dode, der vom Fünften Dalai Lama in dieses Kloster gebracht wurde. Man findet ebenso eine dreistöckige Maytrea-Statue und eine Mönchsversammlungshalle mit 30 Säulen [was verdeutlicht, dass sie von beträchtlichem Ausmaß ist].
Tragischerweise wurde Sangye Gyatsos Leben nach der Machtübernahme durch die Qoshot Mongolen, angeführt von Lhazang Khan, einem Nachkommen von Gushri Khan, vorzeitig beendet. Es gab Meinungsverschiedenheiten mit ihm, weil er den Tod des Fünften Dalai Lamas vor dem Quing Kaiser, Kangxi, verborgen hielt und schließlich wegen der Situation, daß er den Sechsten Dalai Lama wiederfand, ohne den Kriterien der Mongolen gerecht zu werden. Dennoch hinterließen viele seiner und des Fünften Dalai Lamas Reformen ihre Prägungen in Tibet und seinen monastischen und verschiedensten anderen Institutionen, auf Jahrhunderte.
Fußnoten:
20Dies hatte eine starke Antwort des Qing Kaisers Kangxi zur Folge, der einen Erlass befahl, welcher auf den Potala gegründet war. Siehe “Ching Dynasty Inscriptions at Lhasa“ von Hugh Edward Richardson für eine Übersetzung dieses Erlasses.
21Der Anspruch der in dem terma gemacht wurde, ist, daß der Fünfte Dalai Lama die Wiedergeburt des Königs von Tibet aus dem achten Jahrhundert, Trisong Detsen, war und Desi Gyatso die Wiedergeburt dessen Sohnes, Mu-ne Tsan-po (ESG, 114).
22Quelle: 3/2008 Interview mit einem ungenannten Besucher in Riwo Choling in den 1940er Jahren.
