Der Fünfte Dalai Lama und sein Zeitgenosse Tulku Dragpa Gyaltsen

Zu dieser Zeit gab es im Drepung Kloster10 nahe Lhasa zwei hauptsächliche Linien von Wiedergeburten: die obere und die untere Residenz. Tulku Dragpa Gyaltsen (1619-1656) war die anerkannte Wiedergeburt der oberen Residenz (gzim khang gong ma), während der Fünfte Dalai Lama die anerkannte Reinkarnation der unteren Residenz war (gzim khang ‘og ma) (ATT, 129). Dies war des Dalai Lamas original Wiedergeburttitel, während „Dalai“ ein Beiwort ist, welches ihm von den Mongolen gegeben wurde. Beide Wiedergeburten waren Schüler des großen Gelug Meisters Lobsang Chökyi Gyaltsen und erhielten beide im Jahr 1638 die Vinaya Ordination11 von ihm (COT, 192). Wie erwartet waren beide Meister spirituell realisierte Wese, aber entsprechend weltlicher Sichtweise konnte es erscheinen als gebe es Rivalitäten infolge verschiedenster Machtkämpfe durch die Regierung des Fünften Dalai Lamas. Entsprechend der Autobiographie des Fünften Dalai Lamas sehen wir, daß es in 1634, vor der Ankunft von Gushri Khan und dem Sturz des Tsang Königreiches keine persönlichen Rivalitäten gab (SPF, 12):

Von dieser Zeit an durch das Eisen-Schlangen-Jahr (1641) fuhr der reinkarnierte Lama von gZimskhang-gong, gleich auf mit mir im Rang, fort, dem smon lam (Gebet) beizuwohnen (f.75a5)

Trotzdem sah Sonam Rabten diesen gleichwertigen Status als Bedrohung für das Prestige des Dalai Lamas. Ein Vorfall in der Autobiographie des Fünften Dalai Lamas erzählt davon, wie im Jahr 1639 Sonam Rabten Einwand  gegen ein  Überlieferungsliniengebet erhob, welches Tulku Dragpa Gyaltsens frühere Wiedergeburten aufführt, was zu einer Meinungsverschiedenheit mit einem der rangältesten Mönche führt (SPF, 12-13). Wie beim Sturz der Tsang Regierung dargestellt wurde, was weiter oben beschrieben ist, wurde Sonam Rabten als eine durchsetzungsfähige Persönlichkeit betrachtet.12 Am Vorabend der Machtübernahme, tötete er angeblich selbst Karma Tenkyong Wangpo, den entthronten König von Tsang (AOK, 39), nachdem Gushris Streitkräfte gesiegt hatten. Sonam Rabtens Schützling Nangso Norbu13 hatte auch schon manche frühere Verstrickung mit Tulku Dragpa Gyaltsens Familie, genannt die Gad-kha-sa. Entsprechend des Fünften Dalai Lamas Autobiographie riss er ihre Ländereien an sich, nachdem einige Familiemitglieder von Mongolen getötet worden waren (SPF, 13). Nach der Machtübernahme durch den Fünften Dalai Lama und Sonam Rabten gab es vermehrt Zeichen von Rivalität gegen Tulku Dragpa Gyaltsen. Aus der Autobiographie des Fünften Dalai Lama (SPF,15):

…bis dahin hatte man seinem Sitz und so weiter den Respekt zugestanden der einem großen Lama gebührt, doch seit dem Wasser-Pferd Jahr (1642) hat man ihn, aufgrund der Entscheidung des    Regenten (de sris, Sonam Rabten) selbst, auf den dritten Rang zurückgestuft. (f137a1-3)

Im Jahr von Tulku Dragpa Gyaltsens Ableben, 1656, initiierte der Fünfte Dalai Lama, entsprechend seiner Autobiographie, selbst ein Ritual im Namen von  Tulku Dragpa Gyaltsen, welcher krank geworden war, jedoch wurde sein Vorhaben durch eine Order von Sonam Rabten abgebrochen (SPF, 15). Mit der Motivation Tulku Dragpa Gyaltsens wachsenden Ruf zu unterdrücken, ermordeten Sonam Rabten und Nangso Norbu14 ihn, seine Krankheit als Deckung benutzend (SPF, 16). Des Dalai Lamas Autobiographie schildert, daß Nangso Norbu einen Ausdruck von Schuld für seinen Mord annahm (DCG, 104), welche die einzige verlässliche Quelle für die Sträflichkeit dieses Vorfalls ist. Nachdem ein inkarnierter Lama gestorben ist, wird normalerweise nach dessen Nachfolger gesucht. Nach Tulku Dragpa Gyaltsens Ermordung wurde niemals eine weitere Wiedergeburt der oberen Residenz gesucht oder anerkannt. Entsprechend des Fünften Dalai Lamas Autobiographie wurde stattdessen, nach dem Ratschlag des Nechung Orakels, die Residenz Tulku Dragpa Gyaltsens in Drepung ausgeräumt und seine Reliquien wurden von Sonam Rabten umgelagert (SPF, 18).

Fußnoten:

10Eines der drei Gelug Hauptklöster (gdan sa gsum).

11In der original Mulasarvastivada Tradition der Mönchsordination, welche nach Tibet gebracht worden war (smad ‘dul).

12Es sind Meinungsverschiedenheiten verzeichnet zwischen dem Ton angebenden Sonam Rabten und dem Dalai Lama selbst. Auch entsprechend „A Cultural History of Tibet“ von Snelling und Richardson, war Sonam Rabten „ ein begabter, obgleich arroganter und selbstsüchtiger Mann, und man sagt ihm nach, er habe den Dalai Lama dazu genötigt, sich selbst über den Panchen Lama, seinen eigenen Lehrer, eine im höchstem Grade verehrte Persönlichkeit zu stellen.“

13Entsprechend Einiger, war Nangso Norbu der Sohn von Sonam Rabten und entsprechend Anderer, dessen Neffe. Laut Yamaguchi in SPF, ist er ein adoptierter Sohn (sras po). Der sicherste Begriff ist Schützling, denn egal ob er ein Blutsverwandter ist oder nicht, wurde er allem Anschein nach von Sonam Rabten herangezogen. Nangso bedeutet Haushofmeister, und Nangso Norbu war auch ein lokaler Gouverneur (sde ba) in des Dalai Lamas Administration. Nach Sonam Rabtens Tod kam es zu einer Distanzierung zwischen Nangso Norbu und dem Dalai Lama in 1659. Der Dalai Lama wollte nicht, daß Nangso Norbu Sonam Rabten als sde sris ersetzt aber Nangso Norbu wollte nicht abtreten. Viele Lamas In Lhasa, auch der Panchen Rinpoche, wurden involviert, als der Einsatz von Gewalt sich abzuzeichnen begann. Am Ende wurde Trinley Gyatso vom Fünften Dalai Lama als sde sris ernannt (SPF, 20-23).

14Nach TBRC, welcher bod rig pa’i tshing mdzod chen mo shes bya rab gsal rezitiert, liegt die Verantwortung seines Mordes bei Nangso Norbu.